Verbund

ShiftAffect - Eine Analyse der Rolle digitaler Technologien bei der Gestaltung von Perspektiven auf affektive Zustände und soziale Normen

Der techn(olog)ische und methodische Fortschritt der modernen Lebenswissenschaften eröffnet neue Lösungswege für aktuelle und künftige Herausforderungen unserer Gesellschaft. Dies wirft ethische, rechtliche und soziale Fragen auf und fordert teils bestehende Wertvorstellungen heraus. Aufgabe innovationsorientierter Forschungspolitik ist es, derartige zukunftsrelevante Fragen frühzeitig zu identifizieren und zu berücksichtigen sowie die Zusammenarbeit von relevanten Interessengruppen zu stärken.

Der Verbund befasst sich mit den ethischen, gesellschaftlichen und konzeptionellen Auswirkungen affektiver Technologien (AT), welche emotionale Zustände wie Traurigkeit, Angst oder Schmerz analysieren und beeinflussen. Sie bieten neue Möglichkeiten bei der Früherkennung von Erkrankungen, therapeutischer Unterstützung und individueller Selbstregulation. Das Vorhaben beleuchtet hier Fragen wie z. B.: Welche Auswirkungen haben AT auf den Umgang mit Emotionen, aber auch auf das Selbstverständnis, die Privatsphäre und Selbstbestimmung von Patientinnen und Patienten? Wie verändern sie zwischenmenschliche und klinische Interaktionen? Und wie gelingt ein ethisch verantwortlicher Umgang bei der Technologie-Entwicklung in der Klinik und Praxis? Die Ergebnisse fließen in Handlungsempfehlungen und Leitfäden ein, um den Einsatz von AT für alle Beteiligten verantwortungsvoll, kultursensibel und sozial gerecht gestalten zu können.

Damit leistet das Vorhaben einen wichtigen Beitrag zu den Zielen der BMFTR-Förderrichtlinie zur Förderung von Forschungsprojekten zu ethischen, rechtlichen und sozialen Aspekten von Zukunftsthemen in den modernen Lebenswissenschaften sowie zur entwicklungsbiologischen Forschung und ihre mögliche Anwendung am Menschen. Ziel der Maßnahme ist es, relevante Fragen, Chancen und Risiken zu Zukunftsthemen fachübergreifend zu analysieren, Diskussionsprozesse wissenschaftlich zu fundieren sowie ethisch-rechtliche Empfehlungen zu deren Handhabung zu erarbeiten.

Teilprojekte

Ethik und Koordination

Förderkennzeichen: 01GP2508A
Gesamte Fördersumme: 344.161 EUR
Förderzeitraum: 2026 - 2029
Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Orsolya Friedrich
Adresse: Universität zu Köln, Medizinische Fakultät, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Forschungsstelle Ethik
Kerpener Str. 62
50937 Köln

Ethik und Koordination

Das übergreifende Ziel besteht darin, die philosophischen, (medizin-)ethischen und gesellschaftlichen Implikationen affektiver Technologien (AT) zu untersuchen, die der Erkennung und Regulierung von Zuständen wie Traurigkeit, Angst und Schmerz dienen. Dazu werden zunächst (in Arbeitspaket AP 1) Konzeptualisierungen affektiver Zustände und normativ relevanter Schwellen zwischen gesunden und pathologischen Ausprägungen in verschiedenen Disziplinen identifiziert, deren mögliche Verschiebung durch den Einsatz von AT beschrieben und die daraus resultierenden Implikationen für den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit affektiven Zuständen analysiert; zugleich leistet das Projekt Beiträge zur Entwicklung von Forschungsfragen für die empirischen Untersuchungen in AP 2 (Identifikation von Herausforderungen im Rahmen der Implementierung von Konzepten affektiver Zustände in AT) und AP 3 (Untersuchung von Perspektiven relevanter Interessengruppen auf den Einsatz von AT) sowie zur Ausarbeitung wünschenswerter und problematischer Zukunftsszenarien in AP 4, bewertet die ethischen und sozialen Herausforderungen von AT (in AP 5 und 6) und erarbeitet schließlich (AP 7) ethisch fundierte Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Technologieentwicklung, klinische Anwendung und Regulierung. Der Projektpartner in Köln ist neben der Koordination zuständig für AP 1 und AP 5. AP1 erarbeitet eine systematische Analyse der fachdisziplinären Konzeptualisierungen affektiver Zustände (z. B. Traurigkeit, Angst, Schmerz) und der normativ relevanten Schwellen zwischen gesunden und pathologischen Ausprägungen, um eine belastbare begriffliche Grundlage für die empirischen und normativen Arbeitspakete zu schaffen. AP 5 untersucht die ethischen und sozialen Herausforderungen des Einsatzes von AT und bewertet deren normative Implikationen, etwa für die individuelle Autonomie und Selbstregulation oder mit Blick auf potenzielle Risiken der Pathologisierung oder Standardisierung affektiver Zustände.

Technische Implementierung und Klinik

Förderkennzeichen: 01GP2508B
Gesamte Fördersumme: 166.048 EUR
Förderzeitraum: 2026 - 2029
Projektleitung: Prof. Kerstin Ritter
Adresse: Eberhard-Karls-Universität Tübingen, Universitätsklinikum und Medizinische Fakultät, Hertie Institut für klinische Hirnforschung
Otfried-Müller-Str. 27
72076 Tübingen

Technische Implementierung und Klinik

Ziel des Forschungsverbundes ShiftAffect ist es, zentrale ethische, gesellschaftliche und konzeptionelle Implikationen affektiver Technologien zu analysieren, insbesondere dort, wo diese Technologien affektive Zustände wie Traurigkeit, Angst oder Schmerz in medizinischen und alltagsnahen Kontexten erfassen oder beeinflussen. Der Verbund verfolgt das übergeordnete Ziel, empirisch fundierte und ethisch reflektierte Grundlagen für einen verantwortungsvollen Einsatz affektiver Technologien zu schaffen. Das Teilprojekt zielt darauf ab, die Nutzung affektiver Technologien in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung aus der Perspektive von Patientinnen und Patienten mit Depressionen oder Angststörungen sowie von Ärztinnen, Ärzten und Psychotherapeutinnen und -therapeuten systematisch zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht die Analyse, wie solche Technologien therapeutische Beziehungen, klinische Entscheidungsprozesse und das subjektive Erleben affektiver Zustände beeinflussen. Ziel ist es, zentrale Themen, wiederkehrende Muster und kontextabhängige Deutungen im Umgang mit affektiven Technologien zu identifizieren und empirisch zu fundieren. Die Ergebnisse sollen belastbare Einsichten in Nutzen, Grenzen und potenzielle normative Spannungsfelder affektiver Technologien in der klinischen Praxis liefern und damit eine wesentliche Grundlage für die ethische Bewertung im Gesamtverbund sowie für die Entwicklung praxisrelevanter Handlungsempfehlungen darstellen.

Empirik

Förderkennzeichen: 01GP2508C
Gesamte Fördersumme: 308.369 EUR
Förderzeitraum: 2026 - 2029
Projektleitung: Dipl.-Ing. Nora Weinberger
Adresse: Karlsruher Institut für Technologie (Großforschungsaufgabe), Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Hermann-von-Helmholtz-Platz 1
76344 Eggenstein-Leopoldshafen

Empirik

Das Verbundprojekt ShiftAffect untersucht, wie neue Technologien zur Erfassung und Regulation affektiver Zustände – etwa Affective Computing, Virtual Reality, Smartphone-basierte Selbstbeobachtung oder neuromodulative Verfahren – das Verständnis von Emotion, Normalität und Pathologie verändern. Ziel ist es, die ethischen, gesellschaftlichen und konzeptionellen Auswirkungen dieser Technologien zu analysieren und Ansätze für eine verantwortliche und sozial ausgewogene Nutzung zu entwickeln. Das Projekt kombiniert philosophisch-ethische Reflexion, empirische Analysen und partizipative Methoden. Im interdisziplinären Verbund arbeiten Fachrichtungen aus Medizinethik, Philosophie, Psychiatrie, Neurotechnologie und Technikfolgenabschätzung zusammen, um theoretische, klinische und gesellschaftliche Perspektiven zu integrieren. Auf dieser Basis werden ethische Leitlinien und Handlungsempfehlungen für Forschung, Entwicklung und Politik erarbeitet. Neben der wissenschaftlichen Vertiefung trägt das Projekt dazu bei, gesellschaftliche Debatten über emotionale KI und neuartige Formen digitaler Affektregulierung zu fördern. Durch interaktive Kommunikationsformate werden die Ergebnisse für Fachöffentlichkeit, Politik und Zivilgesellschaft aufbereitet und zugänglich gemacht.

Normativ

Förderkennzeichen: 01GP2508D
Gesamte Fördersumme: 198.554 EUR
Förderzeitraum: 2026 - 2029
Projektleitung: Prof. Dr. Claudia Bozzaro
Adresse: Universität Münster, Medizinische Fakultät, Universitätsklinikum, Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin
Von-Esmarch-Str. 62
48149 Münster

Normativ

Teilprojekt(TP)-ziel ist die systematische Analyse der philosophischen, (medizin-)ethischen und gesellschaftlichen Implikationen, die mit der Nutzung affektiver Technologien (AT), die zur Diagnose, Klassifikation und Regulation affektiver Zustände wie Traurigkeit, Angst und Schmerz eingesetzt werden, einhergehen. Wobei dieses TP den Fokus auf den Schmerz legt und auf die Implikationen für die Arzt-Patient-Beziehung sowie für die Praxis des assistierten Suizids. Dafür wird zunächst untersucht, wie in relevanten Disziplinen, affektive Zustände wie den chronischen Schmerz, aber auch der mit diesem einhergehenden Erfahrungen von Trauer, Traurigkeit, Depressivität und normativ relevante Schwellen zwischen gesunden und pathologischen Ausprägungen derselben konzeptualisiert werden. Darauf aufbauend erfolgt die Entwicklung von Hypothesen zu potenziellen Verschiebungen dieser Schwellen durch den Einsatz AT sowie zu den daraus resultierenden Auswirkungen auf den individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit affektiven Zuständen. Diese Hypothesen bilden die Grundlage für die Entwicklung der Leitfragen und der Zukunftsszenarien, die in den empirischen und partizipativen Teilprojekten durchgeführt werden. Abschließend erfolgt in diesem Teilprojekt die systematische Auswertung der Ergebnisse im Hinblick auf die Auswirkungen affektiver Technologien auf die klinische Praxis. Ein besonderer Analyseschwerpunkt liegt auf potenziellen Veränderungen der Arzt-Patient-Beziehung, insbesondere in ethisch und rechtlich sensiblen Handlungsfeldern wie dem assistierten Sterben. Vor dem Hintergrund der aktuellen rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland ist davon auszugehen, dass der Bewertung affektiver Zustände bei Anträgen auf assistierten Suizid eine zentrale Bedeutung zukommt. Insbesondere kann die Einordnung von Zuständen wie Traurigkeit od Depressivität maßgeblich für die Beurteilung der Freiwilligkeit entsprechender Anfragen sein. Die Ergebnisse der Analysen fließen abschließend in die Erarbeitung gemeinsamer Handlungsempfehlungen ein.