Frauen machen die Hälfte der Bevölkerung aus, die medizinische Forschung war jedoch lange vor allem auf den männlichen Körper ausgerichtet. Aber in allen medizinischen Bereichen gibt es Erkrankungen und Gesundheitsthemen, bei denen Unterschiede zwischen den Geschlechtern die Diagnosen, Therapien und Krankheitsverläufe maßgeblich beeinflussen. Deshalb profitieren nicht nur Frauen, sondern alle Geschlechter davon, wenn diese Unterschiede in der Forschung und Versorgung stärker berücksichtigt werden.
Bis heute fehlen bei vielen Erkrankungen belastbare Daten für eine geschlechtersensible Behandlung. Dies betrifft aus historischen Gründen zumeist Frauen, da die medizinische Forschung lange und bis heute vor allem auf den männlichen Körper ausgerichtet war. Unbestritten ist aber, dass sich diese Datenlücke auch zum Nachteil von Männern auswirken kann. Dies ist beispielsweise häufig bei Erkrankungen der Fall, die bei Männern seltener auftreten – etwa Osteoporose, Migräne oder Brustkrebs. Deshalb setzt sich das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) für eine Stärkung der geschlechtersensiblen Medizin ein. Sie erkennt und berücksichtigt diese Unterschiede und verbessert die Versorgung für alle Geschlechter.
Die Daten, die in der medizinischen Forschung genutzt werden, stammen überwiegend von Männern – und deutlich seltener von Frauen oder intergeschlechtlichen Menschen. Das liegt daran, dass im Labor vor allem mit männlichen Tieren und Zellkulturen geforscht wird und in klinischen Studien Frauen oder intersexuelle Personen oft unterrepräsentiert sind. Diese Datenlücke wird als „Gender Data Gap“ bezeichnet. Er kann sich negativ auf die medizinische Versorgung aller Geschlechter auswirken – und damit zu einem Gender Health Gap führen, einer systematischen Lücke bei der medizinischen Versorgung.
Um den Gender Data Gap zu schließen, initiierte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im November 2024 eine Förderrichtlinie, über die bis zu 88 Projekte gefördert werden.
Der Begriff „Gender“ steht für kulturell und gesellschaftlich geprägte Erwartungen, Rollen und Verhaltensweise an das jeweilige Geschlecht und wurde in den deutschen Sprachgebrauch übernommen.
Das biologische Geschlecht („sex“) definiert sich über sicht- und messbare Merkmale, d. h. Geschlechtsorgane, Chromosomen und Hormone. Diese sind jedoch nicht bei allen Menschen eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Unabhängig von der Biologie ist die Geschlechtsidentität das innere Gefühl der eigenen Zugehörigkeit. Diese Identität kann von der bei der Geburt zugewiesenen Geschlechtskategorie abweichen.
Ansätze und Konzepte, die sowohl das biologische Geschlecht, Gender als auch die Geschlechtsidentität berücksichtigen, werden in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft diskutiert. Auch in der medizinischen Forschung rückt das Thema verstärkt in den Blickpunkt. Es gilt vielfältige geschlechtsspezifische Lebenslagen und -umstände zu berücksichtigen, um die Bedürfnisse möglichst aller Menschen zu erfüllen.
Die Geschlechter können auf unterschiedliche Art und Weise auf Medikamente reagieren, sind unterschiedlich oft und schwer von bestimmten Erkrankungen betroffen und weisen häufig unterschiedliche Symptome auf. Das Ziel der geschlechtersensiblen Medizin ist es, diese Besonderheiten zu erforschen und in der Behandlung zu berücksichtigen.
Davon profitieren nicht nur Frauen. Bei Erkrankungen wie Osteoporose, Depression oder Brustkrebs beispielsweise sind die Mechanismen im männlichen Körper nicht gut verstanden. Auch für Trans-Menschen ist die Datenlage dünn. Medizinische Forschung, die den Geschlechteraspekt in all ihren Phasen berücksichtigt, liefert eine repräsentativere Datengrundlage, ebnet weiterer Forschung den Weg und ermöglicht damit künftig eine bessere medizinische Versorgung. Sie ist ein wichtiger Schritt hin zu individuell ausgerichteten Therapien und hilft daher allen Geschlechtern.
Bei etwa zehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter wächst Gewebe, das der Gebärmutterschleimhaut ähnelt, außerhalb der Gebärmutter. Diese Zellen folgen dem weiblichen Zyklus – sie bauen sich unter dem Einfluss der weiblichen Geschlechtshormone auf und wieder ab. Stößt der Körper am Ende des Zyklus die aufgebaute Schleimhaut wieder ab, können Blut und Gewebereste außerhalb der Gebärmutter jedoch nicht abfließen. Sie verbleiben im Körper und können Entzündungen, Narben und Verwachsungen auslösen.
Die Folgen sind sehr unterschiedlich: Manche Frauen verspüren keine Beschwerden, während andere unter starken Schmerzen vor oder während der Menstruation leiden. Probleme können auch beim Geschlechtsverkehr, beim Stuhlgang oder beim Wasserlassen auftreten. Bei manchen Frauen führt eine Endometriose dazu, dass sie nicht schwanger werden können.
Um den betroffenen Frauen helfen zu können, fördert das BMFTR fünf interdisziplinäre Verbünde zur Erforschung von Pathomechanismen der Endometriose und stellt hierfür bis zu 29 Millionen Euro bereit.
Unter diesen Begriff fallen Fragen zur Fruchtbarkeit und der menschlichen Fortpflanzung, aber auch das körperliche und seelische Wohlbefinden in Bezug auf die eigene Sexualität.
Die reproduktive Gesundheit hat lebenslange Auswirkungen auf die allgemeine Gesundheit. Denn das Fortpflanzungssystem ist eng mit dem Hormonhaushalt, dem Stoffwechsel, dem Immunsystem und dem Herz-Kreislauf-System verknüpft. Unfruchtbarkeit kann sowohl bei Männern als auch bei Frauen das Risiko für bestimmte Krankheiten erhöhen. Weil die genauen biologischen Zusammenhänge vielfach noch nicht bis ins Letzte verstanden sind, ist der Forschungsbedarf hoch.
Um die Forschung zur reproduktiven Gesundheit nachhaltig zu stärken, unterstützt das BMFTR seit 2023 den Aufbau von fünf interdisziplinären Nachwuchszentren für reproduktive Gesundheit an den Standorten Hamburg, Jena, Leipzig, Münster und Ulm und stellt dafür bis zu 31 Millionen Euro zur Verfügung. Die Themenvielfalt der geförderten Zentren ist groß. Sie umfasst die Frauengesundheit und Schwangerschaft, die männliche Fortpflanzungsfähigkeit, den Erhalt der Zeugungsfähigkeit aller Geschlechter beispielsweise bei Krebs bzw. Endometriose, oder den Einfluss von Übergewicht auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit.
Interdisziplinäre Nachwuchszentren für reproduktive Gesundheit
Derzeit befinden sich ungefähr neun Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren – ein Lebensabschnitt, der bei etwa 80 Prozent von ihnen mit belastenden Symptomen einhergeht. Bei rund einem Drittel sind sie so stark ausgeprägt, dass die Lebensqualität in Beruf und Alltag eingeschränkt ist. Zu den häufigen Beschwerden zählen beispielsweise Reizbarkeit, Angst und Müdigkeit. Darüber hinaus stehen die Wechseljahre im Verdacht, das Risiko für bestimmte Erkrankungen zu erhöhen, z. B. Herz-Kreislauferkrankungen, Osteoporose, Diabetes, Harnwegsinfekte und Gelenkschmerzen. Bislang ist dieser Zusammenhang allerdings nur unzureichend erforscht. Zudem fehlt es an wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen dazu, wieso manche Frauen unter starken Beschwerden leiden und wie diese behandelt und gelindert werden können.
Um diese Wissenslücken zu schließen, hat das BMFTR sechs interdisziplinäre Forschungsprojekte zur Förderung ausgewählt, die unterschiedliche Aspekte der Wechseljahre erforschen werden. Die Projekte nehmen 2027 ihre Arbeit auf.
Die heute verfügbaren Verhütungsmittel decken den Bedarf vieler Menschen nicht ab. Sie wünschen sich sichere und zuverlässige hormonelle Verhütungsmittel mit weniger Nebenwirkungen oder nicht-hormonelle Alternativen, die gleichberechtigt einsetzbar sind.
Das BMFTR fördert daher vier interdisziplinäre Forschungsverbünde seit 2026, die Ansätze für neue Verhütungsmittel entwickeln oder bestehende Optionen verbessern. Dafür stellt es rund 12 Millionen zur Verfügung.
Verteilt auf die gesamte Legislaturperiode von 2025 bis 2029 werden es etwa 90 Millionen Euro sein.