Frauen erkranken häufiger an Migräne, Depressionen oder Alzheimer als Männer. Die Gehirngesundheit zu erforschen und zu schützen, ist daher von zentraler Bedeutung für die geschlechtersensible Medizin.

Bevölkerungsstudien wie die Rheinland Studie helfen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in der Gehirngesundheit zu verstehen.
DZNE/Louis Haagman
Dass einige Erkrankungen des Gehirns bei Frauen häufiger auftreten als bei Männern, ist bereits länger bekannt. In der medizinischen Forschung und dem klinischen Alltag werden die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Sachen Gehirngesundheit aber nur unzureichend berücksichtigt. Immer mehr Initiativen wollen diese Wissens-, Daten- und Versorgungslücke, die in der Fachwelt auch „Brain Health Gap“ genannt wird, schließen – mit mehr Forschung für eine geschlechtersensible Medizin.
Migräne: Kopfschmerzattacken lindern und abwenden
Etwa 10 bis 15 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden unter den wiederkehrenden Kopfschmerzattacken einer Migräne, am meisten zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind Frauen bis zu dreimal häufiger betroffen als Männer. Bei Frauen sind die Schmerzen während einer Migräneattacke oft heftiger und sie dauern länger an.
Die Mechanismen der Migräne und ihre Auslöser – darunter die hormonellen Schwankungen während des Zyklus – werden immer besser verstanden. Es stehen zudem wirksamere Medikamente zur Verfügung. Dennoch werden viele Betroffene nicht fachärztlich versorgt.
Jede Attacke, die abgewendet werden kann, bedeutet jedoch weniger Leid und Risiko. Daher ist die Forschung, die die Mechanismen hinter der Migräne ausleuchtet, so wertvoll. Forschende suchen unter anderem nach besseren Biomarkern, also messbare molekulare Anzeichen, die Rückschlüsse auf bevorstehende Migräneattacken und die Wirksamkeit von Arzneien zulassen. Gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) haben Forschende in dem europäischen Verbundprojekt BIOMIGA solche Biomarker dingfest gemacht.
ERA Net NEURON: Biomarker für die personalisierte Behandlung von Migräne
Multiple Sklerose maßgeschneidert behandeln
Frauen erkranken zwei bis drei Mal häufiger als Männer an Multipler Sklerose (MS). Als eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen im jungen Erwachsenenalter verläuft die MS bei Betroffenen sehr unterschiedlich. MS ist bisher nicht heilbar, durch Medikamente lässt sich der Krankheitsverlauf aber verlangsamen und Symptome lindern. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat deshalb von 2009 bis 2020 das Kompetenznetz Multiple Sklerose mit ca. 23 Millionen Euro gefördert, um Forschende bundesweit zusammenzubringen und eine individualisierte Therapie für MS-Patientinnen und Patienten zu erreichen. Das Kompetenznetz arbeitet auch heute noch gemeinsam an diesem Ziel.
In einer Übersichtsarbeit im Rahmen der Fördermaßnahme zum Gender Data Gap wird untersucht, welche spezifischen Erkenntnisse es zu der Wirksamkeit und den Nebenwirkungen vorhandener Therapien von MS bei Frauen und Männern gibt.
Alzheimer frühzeitig erkennen und behandeln
In Deutschland leben 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz-Erkrankung – bis zu zwei Drittel davon sind an Alzheimer erkrankt. Bei der neurodegenerativen Erkrankung lagern sich schädliche Eiweißmoleküle im Gehirn ab. Es kommt zu Entzündungsreaktionen, in der Folge sterben Nervenzellen ab. In den vergangenen Jahren hat sich in der Forschung zunehmend die Erkenntnis durchgesetzt, dass Alzheimer mit den typischen Demenz-Symptomen das Endstadium eines langsamen, aber stetigen Abbauprozesses von Nervenzellen darstellt. Der eigentliche neurodegenerative Prozess, also das Absterben von Nervenzellen, beginnt mehr als 20 Jahre vor dem Auftreten der Symptome.
Etwa zwei Drittel der Alzheimer-Erkrankten sind Frauen. Wie die Forschung der vergangenen Jahre offenbart hat, liegt das nicht nur an der höheren Lebenserwartung von Frauen. Die Krankheit tritt auch früher bei ihnen auf und nimmt dabei oft einen schnelleren Verlauf: Patientinnen büßen ihre kognitiven Fähigkeiten rascher ein, ihr Hirngewebe baut sich zügiger ab. Internationale Studien deuten zudem darauf hin, dass sich bei Frauen schneller mehr schädliche Proteine in den Gehirnzellen ablagern als bei Männern.
Viele Studien legen nahe, dass hormonelle Veränderungen – etwa in den Wechseljahren – an der Entstehung von Alzheimer beteiligt sind. Gleichzeitig lassen sich aber individuelle Risiken durch den eigenen Lebensstil beeinflussen – etwa durch Bewegung, besseren Schlaf oder verringerten Stress. Hoffnung machen zudem neue Therapieoptionen: Inzwischen wurden in der Europäischen Union die ersten antikörperbasierten Medikamente zugelassen, die nachweislich den Krankheitsprozess im Gehirn von Alzheimer-Betroffenen verlangsamen können. Wie gut die Präparate auf lange Sicht wirken, muss sich erst noch im klinischen Alltag erweisen.
Die Alzheimer-Forschung am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) widmet sich intensiv den Ursachen und Mechanismen der Erkrankung sowie Ansatzpunkten für neue Therapien. Eine wichtige Erkenntnis: Je früher im Krankheitsprozess die Behandlung beginnt, desto stärker lässt sich der Erkrankungsverlauf bremsen. Daher sind Biomarker für die Früherkennung und die Bewertung des Verlaufs der Alzheimer-Erkrankung derzeit besonders gefragt. Sie wurden mit BMFTR-Förderung erfolgreich in Verbundprojekten des EU-Programms zur Erforschung neurodegenerativer Erkrankungen (JPND) identifiziert.
JPND: EU-FINGERS Biomarker-basierte Analysen zur Demenzprävention
JPND: PREADAPT Identifizierung personalisierter Entzündungsprofile des Alterns
Langzeitstudien: Gehirngesundheit bei Frauen und Männern entschlüsseln
Die vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) durchgeführte „Rheinland Studie“ erforscht die Faktoren für gesundes Altern. Ein Ziel ist es, Risikofaktoren für Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems zu finden, die für die Prävention relevant sein könnten. Dazu soll die Gesundheit von bis zu 20.000 Menschen ab einem Alter von 30 Jahren über mehrere Jahrzehnte beobachtet werden. Die Bevölkerungsstudie hat auch Erkenntnisse für die geschlechtersensible Medizin geliefert: Nach der Menopause zeigte sich bei Frauen das Ausmaß bestimmter Gewebeschäden in der weißen Hirnsubstanz ausgeprägter als bei gleichaltrigen Männern. Mit diesem Befund geht ein erhöhtes Risiko für Demenz und Schlaganfall einher.
Daten zur mentalen Verfassung von Frauen und Männern in Deutschland liefern unter anderem Kohortenstudien des künftigen Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG). Zum Beispiel das Deutsche Gesundheitsbarometer: Frauen berichteten in der Monitoringstudie häufiger über psychische Belastungen und einer geringeren Lebenszufriedenheit als Männer.
Geschlechterunterschiede bei Depressionen berücksichtigen
Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit sind laut einem WHO-Bericht aus dem Jahr 2025 psychisch erkrankt. Frauen sind insgesamt etwas stärker von psychischen Erkrankungen betroffen als Männer (53,1 Prozent der Betroffenen sind Frauen). Depressionen, Essstörungen und Angstzustände sind bei Frauen häufiger, bei Männern werden hingegen öfter das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS oder Autismus-Spektrum-Störungen diagnostiziert.
Doppelt so häufig wie bei Männern wird bei Frauen eine Depression diagnostiziert. Die Ursachen dafür sind noch unzureichend erforscht. Es wird vermutet, dass Frauen wegen hormoneller Veränderungen – wie in der Schwangerschaft oder den Wechseljahren – anfälliger für die Erkrankung sind. Depressionen werden bei Männern zudem seltener erkannt. Ärztinnen und Ärzte ordnen auftretende Symptome bei Männern wie Reizbarkeit, Wut und Aggression oft nicht einer Depression zu. Aber auch, weil sich Männer stärker als Frauen davor scheuen, Hilfe zu suchen, wird bei ihnen seltener die Diagnose Depression gestellt.
Damit die Geschlechter-Unterschiede bei psychischen Erkrankungen in Forschung und Behandlung künftig stärker berücksichtigt werden, fördert das BMFTR auch hier Projekte für die geschlechtersensible Medizinforschung. Zum Beispiel am künftigen Deutschen Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) und in der Fördermaßnahme zur Reduzierung des Gender Data Gap. Mit den dort gewonnenen Erkenntnissen sollen fehlerhafte Diagnosen und Nebenwirkungen vermieden werden, und wirksame und personalisierte Behandlungsmöglichkeiten vorangetrieben werden.
Überbrückung des Gender Data Gap in der psychischen Gesundheit