August 2026

| Newsletter 124

Wenn das Gehirn gegen sich selbst kämpft

Die autoimmune Enzephalitis ist eine seltene Form der Hirnentzündung. Hierbei greift das Immunsystem Strukturen des eigenen Gehirns an. Ziel des Forschungsverbundes CONNECT-GENERATE ist, Diagnostik und Behandlung dieser Erkrankung zu verbessern.

Eine Ärztin und ein Arzt betrachten MRT-Aufnahmen des Gehirns am Bildschirm. Im Hintergrund sieht man ein MRT mit einem Patienten

Eine aktuelle Studie des Forschungsnetzwerkes CONNECT-GENERATE hat gezeigt, dass die Symptome der Anti-IgLON5-Erkrankung mit präzise durch MRT lokalisierbaren Veränderungen im Gehirn verknüpft sind.

Adobe Stock | Gorodenkoff

Autoimmune Enzephalitiden, kurz AE, sind eine Gruppe von seltenen, aber grundsätzlich behandelbaren Formen der Gehirnentzündung. Das Immunsystem der Betroffenen ist fehlgesteuert, es richtet sich gegen verschiedene Strukturen des eigenen Gehirns und bildet Auto-Antikörper. Diese binden an Nervenzellen und beeinträchtigen deren Funktion. Je nachdem gegen welche Strukturen des Nervensystems die Auto-Antikörper gerichtet sind, unterscheiden sich Symptome und Verlauf der Erkrankung.

Logo CONNECT GENERATE

Frühzeitige Diagnose ist entscheidend

Die Betroffenen durchlaufen nicht selten einen langen Leidensweg. Denn oft vergeht bis zur Diagnose zu viel Zeit – Zeit, die über den Therapieerfolg entscheiden kann. Das Heimtückische an den Autoimmunen Enzephalitiden ist, dass die Symptome häufig mit psychiatrischen Symptomen beginnen: Verwirrtheit, Angst, Psychosen oder Verhaltensänderungen. Erst später gesellen sich epileptische Anfälle, Bewegungsstörungen oder Bewusstseinseintrübungen hinzu. „Diese oftmals diffusen Symptome verzögern den Weg zur richtigen Diagnose – Zeit, die für Betroffene entscheidend sein kann. Denn: Wird die Erkrankung früh erkannt und behandelt, bestehen oft gute Chancen auf weitgehende oder vollständige Erholung“, sagt Professor Dr. Frank Leypoldt, Neurologe an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und Koordinator von CONNECT-GENERATE.

Das Forschungsnetzwerk CONNECT-GENERATE (German Network for Research on Autoimmune Encephalitis) konzentriert sich auf die Erforschung autoimmuner Enzephalitiden und verwandter neuroimmunologischer Erkrankungen. Seit 2019 wird das Forschungsnetzwerk vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) in einer Fördermaßnahme für Seltene Erkrankungen gefördert.

Die autoimmunen Gehirnentzündungen zählen zu den seltenen Erkrankungen, sie betreffen etwa ein bis zwei Menschen pro 100.000 Einwohner und Jahr. In Deutschland wird eine AE bei etwa 1.000 Menschen pro Jahr neu diagnostiziert. Betroffen sein können Menschen jeden Alters – Kinder ebenso wie Erwachsene. Um eine seltene Erkrankung wie AE zu erforschen, benötigt man Kooperation – das ist die Stärke von CONNECT-GENERATE: „In unser Patientenregister haben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 100 Kliniken aus ganz Deutschland circa3.000 Patientinnen und Patienten mit AE aufgenommen. Zusätzlich haben wir ein deutschlandweites Netzwerk für Kinder und Jugendliche mit Autoimmunenzephalitis, GENERATE‐Junior, gegründet und mit GENERATE‐Psych, eine Datenbank für psychiatrische Formen der Autoimmunenzephalitis. Zudem kooperieren wir mit Forschenden aus zwölf Ländern“, erklärt Leypoldt.

Symptome lassen sich auf Veränderungen im Gehirn zurückführen

Ein aktuelles Ergebnis von CONNECT-GENERATE aus der Forschungsgruppe von Professor Dr. Carsten Finke, Charité Berlin, betrifft eine spezifische Form der AE, die Anti-IgLON5-Erkrankung. Diese seltene und komplexe neurologische Autoimmunerkrankung betrifft vorwiegend Menschen im höheren Erwachsenenalter. Die Erkrankung kann sich sehr unterschiedlich äußern, so treten zum Beispiel Schlafstörungen, nächtliche Atemaussetzer, Bewegungsprobleme, Schluck- und Sprechstörungen oder kognitive Einschränkungen bis hin zur Demenz oft in Kombination auf. „Weltweit sind bislang nur wenige hundert Fälle dieser Erkrankung beschrieben, was eine Erforschung nur im internationalen Verbund möglich macht“, erläutert Finke. „Lange war unklar, wie diese Vielfalt an Symptomen entsteht und wie sich die Krankheit im Verlauf entwickelt. Eine von unserem Forschungsnetzwerk initiierte multizentrische Studie zeigt nun eindrucksvoll, wie eng die Symptome der Anti-IgLON5-Erkrankung mit messbaren Veränderungen im Gehirn verknüpft sind.“

Nur wer Daten bündelt, kann forschen. Nur wer forscht, kann heilen. GENERATE ist der Beweis, dass das auch bei seltensten Erkrankungen geht. GENERATE lebt von Menschen, die sich einbringen: als Patientinnen und Patienten im Register, als Angehörige, als Behandelnde und als Kooperationspartner. Registerforschung bei seltenen Erkrankungen ist ein Gemeinschaftswerk. Jede Teilnahme zählt.

Professor Dr. Frank Leypoldt, Koordinator von CONNECT-GENERATE, und Neurologe an der Christian-Albrechts-Universität Kiel

Charakteristische Muster im Gehirn

Die Untersuchung von 127 Betroffenen aus zwölf Ländern lieferte nun erstmals eine Erklärung: Die Erkrankung führt zu charakteristischen Atrophie-Mustern im Gehirn, also zu einem Rückgang von Hirngewebe in ganz bestimmten Regionen. „Es handelt sich hierbei tatsächlich nicht um einen diffusen Hirnabbau, sondern um präzise mit MRT lokalisierbare Veränderungen“, erläutert Finke. Besonders betroffen sind der Hirnstamm sowie weitere Strukturen des Gehirns, die zentrale Funktionen wie Schlaf-Wach-Regulation, Bewegungssteuerung und vegetative Prozesse, wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel, kontrollieren. „Ohne unser nationales Patientenregister und unsere internationalen Kooperationen wäre diese Studie nicht möglich gewesen. Unsere Studie macht deutlich, warum gerade diese Symptome so häufig auftreten“, sagt Leypoldt.

Zudem ergab die Studie, dass der Rückgang von Hirngewebe im Verlauf der Erkrankung zunimmt, vor allem im Hirnstamm. Die Forscherinnen und Forscher konnten außerdem nachweisen, dass bestimmte Beschwerden mit spezifischen Mustern im Gehirn einhergehen: „Für unsere Patientinnen und Patienten bedeutet das: Die Symptome sind nicht zufällig oder unspezifisch, sondern lassen sich klar auf krankheitsbedingte Veränderungen im Gehirn zurückführen“, fassen die Experten zusammen.

Patientenwegweiser zur autoimmunen Enzephalitis von Symptomen über Diagnostik, Therapie und Rehabilitation

Patientenwegweiser des Forschungsnetzwerkes CONNECT-GENERATE zur autoimmunen Enzephalitis von ersten Symptomen über Diagnostik, Therapie und Rehabilitation.

CONNECT-GENERATE

Die Ergebnisse der Studie sind auch für zukünftige Therapien entscheidend. Denn die betroffenen Hirnregionen entsprechen genau jenen Bereichen, in denen Auto-Antikörper binden und es zu Ablagerungen von bestimmten Eiweißen kommt. „Mit diesem Wissen können wir zukünftig gezielter Behandlungsansätze entwickeln und deren Wirksamkeit besser beurteilen“, so Leypoldt.

CONNECT-GENERATE – Forschung zu seltenen Erkrankungen braucht Vernetzung

Das deutschlandweite Netzwerk zur Erforschung autoimmuner Enzephalitiden (German Network for Research in Autoimmune Encephalitis, GENERATE e. V.) vernetzt Ärztinnen und Ärzte sowie Forschende in Deutschland. Ziel des Forschungsverbundes CONNECT-GENERATE ist es, die autoimmune Enzephalitis und verwandte neuroimmunologische Erkrankungen besser zu verstehen, früher zu erkennen und gezielter zu behandeln. Seit 2019 wird das Netzwerk – bestehend aus über 270 Ärztinnen und Ärzten aus den Bereichen Neurologie, Kinderheilkunde und Psychiatrie vom BMFTR gefördert. In dieser Zeit wurde u. a. ein großes nationales Patientenregister aufgebaut sowie die auf Kinder und Jugendliche bzw. psychiatrische Formen der AE spezialisierten Register GENERATE-Junior und GENERATE-Psych. Zudem wurden Biobanken miteinander vernetzt und für die Forschung erschlossen, eine Leitlinie zur Autoimmunen Enzephalitis mitgestaltet und zahlreiche wissenschaftliche Publikationen veröffentlicht. Patientinnen und Patienten sind bei dem Forschungsnetzwerk keine passiven Studienteilnehmer, sondern aktive Mitgestaltende. Betroffene arbeiten in beratenden Gremien mit, haben Erfahrungsberichte für einen Patientenratgeber beigesteuert, an Filmprojekten mitgewirkt und Endpunkte wie Lebensqualität und Kognition in der Forschungsagenda gestärkt. Im Jahr 2021 wurde eine Selbsthilfegruppe für AE gegründet.

Weitere Informationen: www.generate-net.de

 Seltene Erkrankungen sind keine Seltenheit

An den Seltenen Erkrankungen leiden jeweils nur wenige Menschen in einem Land – laut der in Europa gültigen Definition sind es nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen. Zusammengenommen aber sind Seltene Erkrankungen kein seltenes Phänomen: Es gibt über 6.000 dieser Erkrankungen, allein in Deutschland sind mehrere Millionen Patientinnen und Patienten betroffen. Über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Seltenen Erkrankungen ist oft nur wenig bekannt. Häufig sind es sehr schwere oder erblich bedingte Krankheiten, die eine aufwändige Behandlung und Betreuung erfordern.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt die Erforschung der Seltenen Erkrankungen seit 2003: So wurden 163 Mio. Euro in nationale Forschungsverbünde investiert, die sich sowohl der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung widmen. Zudem bildet die Forschung zu Seltenen Erkrankungen auch einen Schwerpunkt in dem künftigen Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ). Darüber hinaus beteiligt sich das BMFTR an mehreren internationalen Forschungsinitiativen zu Seltenen Erkrankungen. Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit und der ACHSE e. V., einem Zusammenschluss von mehr als 130 Patientenorganisationen, engagiert sich das BMFTR im Nationalen Aktionsbündnis für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE).

Seltene Erkrankungen - Gesundheitsforschung BMFTR

Seltene Erkrankungen - Nationale Förderung - Gesundheitsforschung BMFTR

Originalpublikation:
Yogeshwar SM et al. (2026): Brain atrophy patterns in anti-IgLON5 disease. Brain 2026; 149(3): 884-896 https://doi.org/10.1093/brain/awaf256


Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Prof. Dr. Carsten Finke
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
carsten.finke@charite.de

Prof. Dr. Frank Leypoldt
Institut für Klinische Chemie und Klinik für Neurologie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
Arnold-Heller-Straße 3
24105 Kiel
frank.leypoldt@uksh.de

Pressekontakt:
Ina-Isabelle Schmütz
Geschäftsstelle GENERATE e.V.
c/o Institut für Klinische Chemie
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel
24105 Kiel
info@generate-net.de