Streicheln beruhigt Neugeborene. Durch die sanfte Berührung verlangsamt sich ihre Herzrate. Doch gilt das auch für Frühchen? Dieser Frage und den dahinterliegenden Mechanismen ging eine Studie der Universitäten Jena und Dresden nach.

Auch frühgeborene Kinder profitieren – je nach Reifegrad des Kindes – von sanften Berührungen.
Sylke Grau/UKJ
Etwa sechs Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland enden vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche, die Neugeborenen gelten somit als Frühgeborene. Da einige Organe der frühgeborenen Babys noch nicht vollständig ausgereift sind – etwa die Lunge und das Gehirn –, haben sie ein erhöhtes Risiko für Komplikationen sowie für eine Reihe von langfristigen Gesundheitsproblemen und Entwicklungsstörungen. Beispielsweise haben die Frühchen Schwierigkeiten mit der autonomen Regulation, das heißt, es gelingt ihren kleinen Körpern nicht so gut wie reifen Babys, sich zu beruhigen, Signale aus dem eigenen Körper wahrzunehmen und den eigenen Herzschlag zu regulieren. Das wiederum kann Komplikationen wie einen instabilen Blutfluss im Gehirn und ein Atemnotsyndrom nach sich ziehen.
Sanfte Berührungen können solche Komplikationen erwiesenermaßen verhindern oder abmildern. Direkter Körperkontakt zwischen dem Frühgeborenen und seinen Eltern, wie etwa bei der Känguru-Methode, ist deshalb äußerst wichtig. „Die Mechanismen hinter den Effekten der Berührung sind jedoch weitgehend unbekannt“, erklärt Professorin Dr. Ilona Croy. Sie erforscht an der Friedrich-Schiller-Universität Jena unter anderem die neuronalen Grundlagen, wie wir tastend unseren Mitmenschen begegnen.
Die Känguru-Methode
Bei der Känguru-Methode heben die pflegenden Fachpersonen das Baby – wenn der Zustand des Frühgeborenen es erlaubt – mitsamt dem notwendigen medizinischen Zubehör aus dem Inkubator und legen es Mutter oder Vater auf den nackten Oberkörper. Das Baby trägt nur eine Windel. So berühren sich die Körper des Babys und der Eltern direkt.
In der vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten Studie PreTouch haben sich Croy und ihr Team – in enger Abstimmung mit den Fachbereichen für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin an den Universitätskliniken in Jena und Dresden – damit beschäftigt, ob sanfte Berührungen die autonome Regulation bei Frühgeborenen unterstützen können. „Wir wollten wissen, ob sanftes Streicheln am Rücken dazu führt, dass die Herzrate bei Frühgeborenen sinkt – ähnlich wie bei reifen Babys – und ob der Effekt je nach Reifegrad des Kindes unterschiedlich ist“, beschreibt die Wissenschaftlerin das Ziel der Studie.
In zwei spezialisierten Kliniken in Dresden und Jena wurden hierfür 32 frühgeborene Babys beobachtet, während sie von ihren Müttern gestreichelt wurden. Die Kinder waren zwischen der 24. und 36. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen und somit unterschiedlich reif in ihrer Entwicklung. Während der Untersuchung lagen die Babys nackt auf dem Bauch auf einer Wickelunterlage unter einer Wärmelampe und wurden von ihren Müttern sanft mit vorgewärmten Händen am Rücken gestreichelt. Die Herzrate der Neugeborenen wurde währenddessen gemessen, das kindliche und mütterliche Verhalten wurde per Video beobachtet und dabei die Geschwindigkeit der Berührungen der Mütter analysiert.
Auf dieser neonatologischen Station der Universität Jena wurden Teile der Studie PreTouch durchgeführt.
Michael Szabó/UKJ
Mütter streicheln intuitiv mit der richtigen Geschwindigkeit
Vor der PreTouch-Studie war bereits bekannt, dass bei reifen Neugeborenen eine spezielle Art von Nervenfasern, die C-taktilen Nervenfasern oder C-LTMR-Fasern, für die Vermittlung sanfter Berührungsreize verantwortlich sind. „Diese Nervenfasern sind Teil des parasympathischen Nervensystems, das für Erholung, Regeneration und Verdauung zuständig ist“, beschreibt Croy. „Die C-taktilen Nervenfasern vermitteln hierbei eine Verlangsamung der Herzrate, also eine selbstständige Beruhigung.“ Die C-taktilen Nervenfasern werden durch eine ganz bestimmte Geschwindigkeit von Berührungen aktiviert, nämlich durch Streicheln mit einer Geschwindigkeit von einem bis zehn Zentimetern pro Sekunde. Die Forschenden beobachteten in der Studie, dass Mütter ihre Frühgeborenen ganz intuitiv genau so streicheln, dass C-taktile Nervenfasern aktiviert werden, nämlich sanft, ruhig und mit der richtigen Geschwindigkeit.
Besonders reifere Frühchen profitieren von sanften Berührungen
Dieses sanfte Streicheln führte bei rund einem Drittel der Frühchen zu regulatorischen Effekten, ähnlich wie bei reifen Neugeborenen: Die Herzrate der Babys beruhigte sich. „Dies geschieht allerdings mit einer deutlichen Verzögerung im Vergleich zu Kindern, die termingerecht zur Welt kamen. Der Herzschlag der Frühchen verlangsamt sich erst 140 Sekunden nach dem Streichelbeginn, was deutlich später ist als bei reifen Kindern. Das lässt darauf schließen“, interpretiert Croy die Ergebnisse, „dass zentrale neurologische Mechanismen, die zur Weiterleitung der Impulse der C-taktilen Nervenfasern benötigt werden, bei sehr früh geborenen Kindern noch unreif sind.“
Bei etwa der Hälfte der in der Studie beobachteten Frühchen zeigte das Streicheln keine Auswirkungen auf die Herzrate; bei einigen Babys stieg die Geschwindigkeit des Herzschlags sogar an, das heißt, der Stress durch die Berührung überwog. Dabei hing der Einfluss der Berührung auf die Herzrate von der Reife der Frühgeborenen ab: Vor allem reifere Babys zeigten durch das Streicheln eine autonome Entspannung, gemessen an der verringerten Herzrate. Die Forscherin fasst die Ergebnisse so zusammen: „Insgesamt kann aufgrund unserer Arbeit eindeutig empfohlen werden, dass Frühgeborene sanft gestreichelt werden, um ihre autonome Regulationsfähigkeit zu begünstigen. Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Streicheln eine Gefahr für sehr unreife Frühchen darstellt. Aber bei sehr unreifen Frühchen sollte währenddessen besonders auf die Herzrate geachtet werden.“ Ein weiterer Teil der Studie mit 38 Frühgeborenen, die an der Uniklinik Jena durchgeführt wurde, wird derzeit ausgewertet und in Kürze veröffentlicht. Hierbei wurden die Kinder nicht von den Müttern, sondern von trainierten Wissenschaftlerinnen gestreichelt.
NEURON – Forschung über Ländergrenzen hinweg
Die Studie PreTouch wurde im Rahmen des „Netzwerks Europäischer Forschungsförderung für Neurowissenschaften“ (NEURON) gefördert. NEURON ist Teil des ERA-NET-Programms der Europäischen Kommission. Ziel des ERA-NET NEURON ist es, die Forschungsanstrengungen und Förderprogramme seiner Partnerländer im Bereich der krankheitsbezogenen Neurowissenschaften zu koordinieren und zu optimieren. Hierzu haben sich Förderorganisationen aus 28 verschiedenen Ländern zusammengeschlossen, um multinationale und kooperative Forschungsprojekte im Bereich der Neurowissenschaften zu fördern. Aufbauend auf das ERA-NET NEURON startete im Januar 2026 eine neue Initiative, die Europäische Partnerschaft zur Gesundheit des Gehirns, die Förderorganisationen aus mehr als 30 Ländern aus Europa und darüber hinaus unter sich vereint: die EP BrainHealth.
Mehr zur Forschung rund um das Thema Gehirn und Nerven finden Sie hier: Erkrankungen des Gehirns − Gesundheitsforschung BMFTR
Weitere Informationen:
https://www.neuron-eranet.eu/ und Gemeinsam forschen für ein gesundes Gehirn − Gesundheitsforschung BMFTR
Originalpublikation:
Püschel, I., Reichert, J. Croy, I., et al. (2022): Gentle as a mother’s touch: C-tactile touch promotes autonomic regulation in preterm infants. Physiology & Behavior, Volume 257, 1 December 2022, 113991. DOI: 10.1016/j.physbeh.2022.113991
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Ilona Croy
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Lehrstuhl für Klinische Psychologie
Am Steiger 3 – Haus 1
07743 Jena
ilona.croy@uni-jena.de