Die fünf im Jahr 2023 initiierten Zentren für reproduktive Gesundheit starten erfolgreich in eine zweite Förderphase - das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt ihren Aufbau damit für weitere drei Jahre.

Die reproduktive Gesundheit hat einen großen Einfluss auf das körperliche, geistige und soziale Wohlbefinden jedes einzelnen Menschen.
Monkey Business /Adobe Stock
Frauengesundheit und Schwangerschaft, männliche Fortpflanzungsfähigkeit, der Einfluss von Adipositas auf die reproduktive Gesundheit oder der Erhalt der Fruchtbarkeit beispielsweise bei Endometriose: An unterschiedlichen Standorten in Deutschland wird zu vielfältigen Themen der reproduktiven Gesundheit geforscht. Viele Fragen rund um diesen Bereich sind allerdings noch unbeantwortet, obwohl die Auswirkungen gravierend sein können. So ist beispielsweise fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren in Deutschland ungewollt kinderlos, eine schmerzvolle Erfahrung für viele Betroffene.
Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert daher bereits seit 2023 den Aufbau von fünf interdisziplinären Zentren für reproduktive Gesundheit. Die universitätsmedizinischen Standorte der Zentren wurden in einem kompetitiven Verfahren unter Beteiligung eines internationalen Gutachtergremiums ausgewählt: Es sind Hamburg, Jena, Leipzig, Münster und Ulm. In einer ersten Phase wurden die Zentren bereits mit rund 16 Millionen Euro über drei Jahre gefördert. Aktuell startet – nach einer erfolgreichen Zwischenbegutachtung ebenfalls durch ein internationales Gutachtergremium – die zweite Förderphase mit bis zu 15 Millionen Euro für weitere drei Jahre.
Was ist reproduktive Gesundheit?
Der Begriff reproduktive Gesundheit umfasst neben Fragen zur Fruchtbarkeit und der menschlichen Fortpflanzung auch das körperliche und seelische Wohlbefinden mit der eigenen Sexualität. Dazu zählen körperliche und medizinische Dimensionen ebenso wie psychosoziale und medizinethische Aspekte.
Die reproduktive Gesundheit ist von zentraler Bedeutung nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes und nachfolgende Generationen. Sie beeinflusst die Gesundheit über die gesamte Lebensspanne hinweg, denn das Fortpflanzungssystem ist eng mit dem Hormonhaushalt, dem Stoffwechsel, dem Immunsystem und dem Herz-Kreislauf-System verknüpft. Das Spektrum der reproduktiven Gesundheit erstreckt sich deshalb von der Keimzellbildung über die embryonale Entwicklung und sexuelle Differenzierung bis hin zur allgemeinen Gesundheit im Erwachsenenalter.
Strukturaufbau für eine wettbewerbsfähige Forschungslandschaft
Mit der Fördermaßnahme will das BMFTR eine qualitativ hochwertige Forschungslandschaft zur reproduktiven Gesundheit in Deutschland aufbauen, die auch im internationalen Vergleich anschlussfähig bleibt. Durch die interdisziplinären Forschungszentren sollen nachhaltige Strukturen in der Universitätsmedizin geschaffen und die Ausbildung in diesem Forschungsbereich gestärkt werden. Ziel ist es, insbesondere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früher Karrierestufen für diesen Forschungsbereich zu gewinnen und langfristig zu binden.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der fünf Zentren für reproduktive Gesundheit arbeiten interdisziplinär und über Standortgrenzen hinweg eng zusammen. Regelmäßig stattfindende Netzwerktreffen, hier im September 2026 in Hamburg, ermöglichen Diskussionen und Austausch.
Ramia Müllermeister/UKE

Ramia Müllermeister/UKE

DLR Projektträger

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Ramia Müllermeister/UKE
Die Schwerpunkte der fünf Nachwuchszentren für reproduktive Gesundheit spiegeln die Vielfalt des Forschungsfelds wider. Im Einzelnen umfassen sie:
Im Nachwuchszentrum SRHOO (Sexual and Reproductive Health in Overweight and Obesity) wird untersucht, wie sich Übergewicht und Adipositas auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit von Frauen auswirken. Bislang ist dieser Zusammenhang nur unzureichend erforscht, obwohl empirische Studien ihn belegen. Demnach schränken Übergewicht und Adipositas die weibliche Fruchtbarkeit ein, führen vermehrt zu Komplikationen sowohl während der Schwangerschaft als auch bei der Geburt und können sich auf die Gesundheit von Mutter und Kind auswirken. Auch das sexuelle Wohlbefinden kann durch Übergewicht und Adipositas beeinträchtigt werden.
Um Wissenslücken zu schließen, nehmen die Forschenden des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf diesen Zusammenhang genauer in den Blick – beginnend mit dem Kinderwunsch, über Schwangerschaft und Geburt bis hin zur Familienbildung. Ihre Erkenntnisse sollen zukünftig in die medizinischen Leitlinien einfließen, um die Versorgung der betroffenen Frauen zu verbessern.
Übergewicht und Adipositas nehmen weltweit zu. Etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung sind gegenwärtig betroffen – mit gravierenden Auswirkungen auf ihre allgemeine Gesundheit, beispielsweise durch ein erhöhtes Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Weitere Informationen: Sexuelle und reproduktive Gesundheit bei Übergewicht und Adipositas
Das Nachwuchszentrum LE-REP (Leipzig Reproductive Health Research Center) am Standort Leipzig vereint die Universität Leipzig, das Universitätsklinikum Leipzig und das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Die Forschenden untersuchen biologische, gesundheitliche, umweltbezogene und psychosoziale Einflussgrößen und Zusammenhänge bei Kinderwunsch und reproduktionsmedizinischen Behandlungen. Dazu gehören beispielsweise mögliche Komplikationen während der Schwangerschaft, der Einfluss von Umweltchemikalien, das psychische Wohlbefinden der Eltern während und nach einer Kinderwunschbehandlung sowie die Gesundheit und Entwicklung der Kinder.
Um Antworten auf noch offene Fragen zu finden, werden in Leipzig Schwangere und ihre Partner nach reproduktionsmedizinischer Behandlung in die LE-REP-Kohorte eingeschlossen. Ihre Daten und Bioproben werden für die biomedizinische, umweltbezogene, psychosoziale und epidemiologische Forschung genutzt. Fragebögen sowie medizinische und immunologische Untersuchungen ermöglichen es den Forschenden, gesundheitliche und psychosoziale Zusammenhänge aus unterschiedlichen Perspektiven zu untersuchen. Dabei sollen auch die Erfahrungen und Perspektiven Betroffener stärker berücksichtigt werden, um Forschung und Versorgung möglichst eng an ihren tatsächlichen Bedarfen auszurichten.
Die Forschung des Nachwuchszentrums soll dazu beitragen, gesundheitliche Zusammenhänge bei reproduktionsmedizinischen Behandlungen besser zu verstehen und die gewonnenen Erkenntnisse für eine bedarfsgerechte Versorgung von Menschen mit Kinderwunsch nutzbar zu machen.
Weitere Informationen: LE-REP - Interdisziplinäres Nachwuchszentrum für reproduktive Gesundheit
Der Erhalt der Fruchtbarkeit – die Fertilitätsprotektion – steht im Fokus der Forschung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Ulm und deren Klinikum. Ihr Ziel ist es, unterschiedliche Aspekte der Fertilitätsprotektion zu untersuchen, um bereits bestehende Optionen zu verbessern und diese um weitere innovative Technologien zu ergänzen.
Wichtig ist der Erhalt der Fruchtbarkeit insbesondere für junge, an Krebs erkrankte Menschen, bevor sie sich einer Therapie unterziehen, die ihre Keimzellen schädigen kann. Aber auch bei schwerer Endometriose, für Transgender-Personen vor Beginn einer Hormontherapie sowie für gesunde junge Frauen, die ihre Familienplanung in einen späteren Lebensabschnitt verschieben möchten („Social Freezing") kann die Fertilitätsprotektion einen hohen Stellenwert einnehmen. Neben molekularbiologischen, genetischen und klinischen Untersuchungen richten die Forschenden des Ulmer Nachwuchszentrums ihren Blick daher auch auf psychologische Aspekte dieser unterschiedlichen Gruppen − mit dem Ziel, ihre individuellen Bedürfnisse und die ihrer Familien herauszufinden und darauf aufbauend präventive und hilfreiche Interventionen zu entwickeln. Die rechtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen werden in einem eigenen Teilprojekt untersucht und ethische Gesichtspunkte sowie Grenzen berücksichtigt.
Weitere Informationen: Interdisziplinäres Nachwuchsforscherzentrum für Fertilitätsprotektion der Universität Ulm
Das Nachwuchszentrum der Universität und des Universitätsklinikums in Münster konzentriert sich darauf, die Ursachen männlicher Unfruchtbarkeit aufzuklären und ihre Diagnostik und Behandlung zu verbessern. Unfruchtbarkeit soll aufgrund der gewonnenen Erkenntnisse zukünftig präziser diagnostiziert werden. Auch damit die Patienten aufbauend auf aktuellen Erkenntnissen individueller behandelt werden können. So werden in einem Teilprojekt beispielsweise die genetischen Ursachen für eine Azoospermie – dem vollständigen Fehlen von Spermien im Ejakulat – entschlüsselt und die molekulare Funktion der identifizierten Gene sowie ihrer Genprodukte untersucht. Solche Erkenntnisse können den Weg für wirkungsvolle Therapien ebnen, die genau an den Ursachen ansetzen.
Im Fokus weiterer Forschungsbereiche in Münster stehen neben der Entwicklung der Hoden und dem Erhalt der männlichen Fruchtbarkeit (Fertilitätsprotektion) auch zum Beispiel Funktionsstörungen sowie Fehlbildungen von Spermien, die sich ebenfalls auf die Fruchtbarkeit auswirken können.
Weitere Informationen: Centre for Research and Development of Reproductive Scientists
Ein Konsortium aus Forschenden des Universitätsklinikums Jena und der Friedrich-Schiller-Universität Jena widmet sich im Nachwuchszentrum CEPRE (Center for Early Pregnancy and Reproductive Health) den frühen Phasen der Schwangerschaft.
In acht interdisziplinären Teilprojekten werden unterschiedliche Aspekte der frühen Schwangerschaft und der reproduktiven Gesundheit untersucht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler früher Karrierestufen werden hierdurch befähigt, wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Reproduktionsmedizin und -biologie selbstständig durchzuführen und weitere Projektförderungen einzuwerben.
Unter der Leitung des Placenta-Labors der Klinik für Geburtsmedizin werden unter anderem die zellulären Prozesse in der Gebärmutterschleimhaut, die Interaktion zwischen Embryo und mütterlichem Gewebe in der Frühschwangerschaft sowie das Zusammenspiel der Herz-Kreislauf-Regulation von Mutter und Kind erforscht. Weitere Schwerpunkte sind beispielsweise das Mikrobiom des weiblichen Genitaltrakts, die Wechselwirkungen zwischen mütterlicher Gesundheit und Plazenta sowie deren Auswirkungen auf die Gesundheit von Mutter und Kind im späteren Leben. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Nutzung umfangreicher Biobanken, die unter anderem Proben und klinische Daten aus verschiedenen Kohorten und Phasen rund um die Schwangerschaft umfassen. Sie ermöglichen den Vergleich molekularer und genetischer Merkmale von fruchtbaren und unfruchtbaren Frauen sowie die Untersuchung von Veränderungen vor der Schwangerschaft, im ersten Trimester und während der Schwangerschaft.
Darüber hinaus werden in Jena ethische und rechtliche Fragen der Reproduktionsmedizin erforscht. Ziel ist es, die bestehenden Rahmenbedingungen besser zu verstehen und damit auch Impulse für die zukünftige Entwicklung der Gesetzgebung zu geben.
Weitere Informationen: CEPRE - Nachwuchszentrum für Frühschwangerschaft und reproduktive Gesundheit – Universitätsklinikum Jena