Das Risiko wiederkehrender Schlaganfälle senken und die klinische Behandlung von Betroffenen verbessern: Auf dieses Ergebnis der von ihnen durchgeführten POTENTIAL-Studie hoffen Forschende an der Technischen Universität Dresden.

Ein Schlagfall ist ein medizinischer Notfall, bei dem jede Sekunde zählt. MRT- und CT-Aufnahmen helfen bei der Diagnose.
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Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Was viele nicht wissen: Oft folgt kurz nach dem ersten Schlaganfall ein zweiter. Etwa ein Drittel der Schlaganfall-Patientinnen und -Patienten erleidet einen oder mehrere Rückfälle – auch nach einer Akutbehandlung, bei der verstopfte Gefäße wieder geöffnet werden konnten.
Das Risiko dafür verringern will das Forschungsteam um Prof. Dr. Timo Siepmann von der Technischen Universität (TU) Dresden. Er ist wissenschaftlicher Leiter der POTENTIAL-Studie, die das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit rund drei Millionen Euro fördert. In der Studie soll untersucht werden, ob sich durch die Gabe einer bestimmten Medikamentenkombination weitere Anfälle vermeiden lassen.
Wie entstehen Schlaganfälle und wie werden sie behandelt?
Schlaganfälle entstehen, wenn das Gehirn plötzlich nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt wird. Innerhalb kurzer Zeit können Nervenzellen geschädigt werden oder absterben. Häufig ist ein Blutgerinnsel im Gehirn dafür verantwortlich; Fachleute sprechen von einem ischämischen Schlaganfall oder Hirninfarkt. Dank bildgebender Diagnostik und klinischer Untersuchung können Ärztinnen und Ärzte einen Hirninfarkt oft sicher diagnostizieren und die weitere Therapie einleiten: Die Gabe von Medikamenten, um das Blutgerinnsel aufzulösen oder aber die Entfernung des Gerinnsels über einen Katheter.
Anschließend erhalten Betroffene Medikamente, die verhindern sollen, dass Blutplättchen verklumpen und weitere Gerinnsel entstehen. Bei leichten Schlaganfällen wird die geprüfte Medikamenten-Kombination bereits erfolgreich eingesetzt. Sie besteht aus den Arzneistoffen ASS und Clopidogrel, die die Verklumpung von Blutplättchen verhindern soll. Bislang ist aber noch nicht ausreichend untersucht, ob sie auch nach einer akuten Behandlung zur Wiedereröffnung des Gefäßes sinnvoll und sicher ist.
Plötzlich auftretende Sprachstörungen, halbseitige Lähmungen und Taubheitsgefühle sowie Sehstörungen (Gesichtsfeldausfälle): Das können Vorboten für einen Schlaganfall sein. Jetzt zählt jede Sekunde, denn bei einem Schlaganfall wird das Gehirn nicht mehr ausreichend durchblutet. Das macht jeden Schlaganfall zu einem Notfall, der sofort behandelt werden muss. Daran erinnert der jedes Jahr am 29. Oktober stattfindende Welt-Schlaganfalltag. Er wurde ins Leben gerufen, um über Vorbeugung, Erkennung und Versorgung von Schlaganfällen aufzuklären.
POTENTIAL-Studie testet Medikamenten-Kombination
An der von Professor Siepmann geleiteten klinischen Studie sollen rund 2.100 Patientinnen und Patienten teilnehmen, die an mehr als 40 spezialisierten Schlaganfallzentren in ganz Deutschland rekrutiert werden. Sie werden nach dem Zufallsprinzip einer Behandlungs- und einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Probanden der Behandlungsgruppe erhalten eine kombinierte Therapie mit ASS und Clopidogrel, in der Kontrollgruppe wird nur eines der beiden Medikamente verabreicht.

Professor Dr. Timo Siepmann, Leiter der POTENTIAL-Studie
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus, Dresden
„Unsere Studie soll klären, ob Patientinnen und Patienten mit einem leichten Schlaganfall nach einer Akutbehandlung – in der Medizin wird von Reperfusionstherapie gesprochen – von einer 21-tägigen verstärkten Hemmung der Blutplättchen profitieren“, erklärt Siepmann. Die zentrale Frage dabei: Kann die intensivierte Therapie mit Blutplättchenhemmern das Risiko für erneute Schlaganfälle signifikant senken, ohne das Blutungsrisiko unverhältnismäßig zu erhöhen?
Eine weitere Besonderheit der Studie sind hochauflösende MRT-Aufnahmen des Gehirns, die nach der Behandlung bei allen Teilnehmenden durchgeführt werden. „Dadurch können auch sogenannte stille Schlaganfälle präzise erfasst werden“, so Siepmann. „Auch wenn solche Gewebeschädigungen im Alltag zunächst unbemerkt bleiben, weil sie sehr klein sind oder an einer besonderen Stelle des Gehirns auftreten, können sie das Risiko für weitere Schlaganfälle und einen schleichenden geistigen Abbau bis hin zur Demenz langfristig erhöhen.“
Ergebnisse könnten medizinische Leitlinien verändern
Die Forschenden haben hohe Erwartungen an ihre Studie: Sollte sich die Kombinationstherapie als überlegen erweisen, könnte dies die medizinischen Leitlinien und den Behandlungsstandard für diejenigen nachhaltig verändern, die bisher nur eine Monotherapie mit Blutverdünnern erhalten.
„Nach einer intravenösen Lysetherapie oder nach der Entfernung eines Blutgerinnsels, um die verstopften Gefäße wieder durchgängig zu machen, war man in der Fachwelt lange zurückhaltend, den Einsatz einer kombinierten Blutplättchenhemmung zu etablieren, weil man ein erhöhtes Risiko für Hirnblutungen befürchtete“, erklärt Siepmann. Jüngere wissenschaftliche Daten wiesen jedoch darauf hin, dass diese Sorge unbegründet sein könnte. Dies werde wie in jeder großen Phase III-Studie auch in der POTENTIAL-Studie weiterhin streng überwacht. Deren Hauptziel bleibe es jedoch, eine wissenschaftliche Evidenzlücke zu schließen und den Nutzen der Blutplättchenhemmung auch Patientinnen und Patienten nach einer Notfallbehandlung zugänglich zu machen. „Auch nach einer akuten Reperfusionstherapie könnte sich das Risiko für einen erneuten Schlaganfall so um etwa ein Viertel senken lassen“, schätzt Studienleiter Siepmann.