23.07.2026

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West-Nil-Virus: Stechmücken bergen Infektionsrisiko für Menschen

Aus den Tropen bekannte Erreger wie das West-Nil-Virus treten immer häufiger auch in unseren Breiten auf. Ein Berliner Forschungsverbund hat sich auf die Jagd nach virustragenden Stechmücken begeben – und wurde überraschend häufig fündig.

Petrischale voller Stechmücken und einer Pinzette, die von zwei Händen in Laborhandschuhen gehalten wird

Forschende im Verbund WNVcombat analysieren gefangene Stechmücken im Labor.

Charité | Maria Streltsova

Der spürbare Klimawandel, das fortschreitende Artensterben und das häufigere Auftreten von aus tropischen Breiten bekannten Infektionserkrankungen machen deutlich: Die Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt hängt eng miteinander zusammen. Dieses Prinzip des „One-Health-Ansatzes“ ist in der Forschung längst anerkannt und gewinnt auch auf kommunaler Ebene immer mehr Bedeutung. So auch in Berlin: Gemeinsam mit Partnern an anderen Universitäten, Stadt, Land und Gesundheitswesen untersucht die Virologin Prof. Sandra Junglen von der Berliner Charité das Vorkommen von Stechmücken, die das West-Nil-Virus, kurz WNV (s. Infobox), in sich tragen.

Ursprünglich aus Afrika stammend gelangte das Virus über Zugvögel auch nach Europa, seit 2019 werden dem Robert Koch-Institut (RKI) zufolge immer wieder auch in Deutschland durch Mücken übertragene Erkrankungen beim Menschen registriert. Überwiegend treten solche Fälle in Ostdeutschland auf, vereinzelt auch in anderen Bundesländern.

Studie der Charité: Fünf Standorte in Berlin untersucht

Wie das Vorkommen von infizierten Stechmücken und Vögeln mit den Infektionsraten beim Menschen, der Landbedeckung und der Klimaveränderung in Berlin zusammenhängt: Genau dazu soll der Verbund WNVcombat neue Erkenntnisse gewinnen. Mit Blick auf WNV gilt die Metropolregion Berlin als Risikogebiet – und hier lässt sich auch besonders gut erforschen, wie die Effekte städtischer Wärmeinseln mit häufigeren Hitzetagen und tropischen Nächten die Vermehrung des Virus in Stechmücken und Vögeln begünstigen.

An fünf Standorten im Stadtteil Schöneberg gingen Sandra Junglen und ihr Team in den vergangenen Jahren deshalb auf Steckmückenjagd. Fündig wurden die Forschenden vor allem in parkähnlichen Wohngebieten und auf Friedhöfen, in naturnahen Gebieten war die Anzahl infizierter Mücken deutlich geringer. Die Ergebnisse der von Junglen geleiteten Studie wurden im Sommer im Fachjournal Nature Communications veröffentlicht; im Interview nennt die Virologin weitere Details.

West-Nil-Fieber

Das West-Nil-Fieber zählt zu den sogenannten Zoonosen, bei denen ein Erreger von Tieren – in diesem Fall meist Stechmücken – auf den Menschen übertragen wird. Etwa jeder fünfte mit dem West-Nil-Virus Infizierte entwickelt eine grippeähnliche Erkrankung mit Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Rückenschmerzen, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen. In seltenen Fällen tritt eine gefährliche Gehirnentzündung (Enzephalitis) auf, die insbesondere bei Älteren und Menschen mit einer Immunschwäche sogar tödlich verlaufen kann.

„Deutlich mehr Funde als erwartet“  

Ihren Untersuchungen zufolge trugen 2023 und 2024 in Berlin ungewöhnlich viele Stechmücken das West-Nil-Virus, kurz WNV, in sich – ist die Infektionsrate beunruhigend?

Die Rate ist deutlich höher als wir erwartet haben. In 2023 waren es knapp fünf Prozent und in 2024 knapp zwei Prozent. Jeden Sommer sind in Berlin fast identische Viren zu finden, die sich deutlich von West-Nil-Viren in anderen Regionen unterscheiden. Erwartet hätten wir allerdings Infektionsraten von deutlich unter zwei Prozent. Raten zwischen drei und sechs Prozent findet man normalerweise z. B. in Zentralmakedonien, Griechenland oder in Norditalien in der Emilia-Romagna.

Warum ist das WNV gerade in Berlin so verbreitet? Lassen sich Ihre Modelle auf andere Städte und Regionen übertragen?

WNV ist hauptsächlich in Ostdeutschland verbreitet. Der Überträger, Culex pipiens, die nördliche Hausmücke, kommt gern in der Nähe des Menschen vor; in Berlin finden wir zwischen 85 und 95 Prozent Culex pipiens. Das ist sehr hoch. Andere Arten sind auch vertreten, aber mit einem geringen Anteil. In ländlichen Regionen ist Culex pipiens nicht so dominant vertreten. Hinzu kommt, dass Berlin als Metropolregion durch den Wärmeinseleffekt deutlich wärmer als das Umland ist und sich das wahrscheinlich auch auf die Übertragbarkeit von WNV auswirkt.

Wichtig ist: Unser Virusnachweis basiert nicht auf Modellen. Die von uns gefundenen Infektionsraten der Mücken sind empirische Daten aus der Feldforschung. Als nächstes möchten wir herausfinden, welche Vogelarten wichtige Überträger sind und welche Arten die Infektionsketten unterbrechen, also welche Arten förderlich zur Ausbreitung von WNV sind und welche das Infektionsrisiko senken. Das Vorkommen von Vögeln hängt eng mit der Art und Struktur der Vegetation, dem Vorkommen von Wasser und Insekten zusammen. Aus all diesen Parametern können wir Modelle erstellen, die sich auf andere Städte und Regionen übertragen lassen.

Prof. Sandra Junglen

Professorin Sandra Junglen vom Institut für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin koordiniert den Forschungsverbund WNVcombat.

Charité | Maria Streltsova

Wie gefährlich ist das Virus für den Menschen?

Eine WNV-Infektion verläuft bei den meisten Menschen unbemerkt, etwa ein Fünftel der Infizierten entwickelt das West-Nil-Fieber, das mit grippeähnlichen Symptomen über drei bis sechs Tage einhergeht. Bei etwa einem von 100 Infizierten befällt das Virus das Nervensystem und führt zu schweren Verläufen. Bei dieser neuroinvasiven Form der Erkrankung kann es zu einer Gehirnentzündung mit mentalen Veränderungen und Lähmungen kommen. Betroffene müssen stationär, teils gar intensivmedizinisch behandelt werden.

Das West-Nil-Fieber heilt meist komplikationslos aus, allerdings trägt etwa jeder zweite Betroffene mit neuroinvasivem West-Nil-Fieber Langzeitfolgen davon. Im schlimmsten Fall kann die Erkrankung tödlich verlaufen, etwa zehn Prozent der Infizierten versterben daran. Insbesondere bei Menschen ab 65 Jahren oder Personen mit Vorerkrankungen wie etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einem gestörten Immunsystem steigt das Risiko für einen schweren Verlauf.

Es gibt keine spezifische Therapie gegen das Virus, es lassen sich nur die Symptome behandeln. Eine Impfung gibt es nur für Pferde, nicht aber für Menschen.

Infektionen mit dem West-Nil-Virus sind meldepflichtig. In Deutschland treten seit 2019 jährlich in den Sommermonaten Fälle auf. In Berlin wurden in 2024 sieben Fälle von West-Nil-Fieber übermittelt, in fünf Fällen kam es zu einem schweren Verlauf mit Befall des Nervensystems. Deutschlandweit waren es 2024 insgesamt 52 Fälle, im Jahr 2025 waren es 14 und in den Jahren zuvor um die 20 Fälle.

Wie kann man sich schützen?

Insbesondere Menschen mit erhöhtem Risiko sollten sich vor Mückenstichen schützen. Dazu zählt das Tragen langärmeliger Oberteile und Hosen, der Aufenthalt in geschlossenen oder klimatisierten Räumen, die Anwendung von Mückenabwehrmitteln und Insektiziden sowie der Gebrauch von Moskitonetzen und Fenstergittern. Weil die Mückenart, die das Virus überträgt, dämmerungsaktiv ist, sollten diese Schutzmaßnahmen vor allem in den frühen Morgen- und Abendstunden ergriffen werden. Außerdem ist empfehlenswert, Brutstätten im Wohnumfeld zu beseitigen, also beispielsweise im Garten oder Balkon Gefäße mit stehendem Wasser alle paar Tage komplett zu leeren und zu säubern.

Welche Maßnahmen müssen Kommunen und Städteplaner jetzt ergreifen?

Grundsätzlich sollte bei der Begrünung nicht nur auf Beschattung und Kühlung und beim Wassermanagement nicht nur auf Speicherung von Regenwasser für Trockenperioden geachtet werden. Wichtig ist es, keine „toten“ und sterilen Gewässer und Grünflächen zu schaffen. Besser sind Wasser- und Grünflächen mit einem hohen ökologischen Wert für möglichst viele Tiere. Effektive natürliche Feinde von Stechmücken sind Vögel, Fledermäuse und Frösche. Aber auch Libellen und Libellenlarven sind extrem wichtig, da sie Mücken in jedem Entwicklungsstadium fressen. Zudem fressen Fische, Wasserläufer und Schwimmkäfer die Mückenlarven direkt im Wasser.

WNVcombat ist einer von mehreren Forschungsverbünden, die im Rahmen der Richtlinie „Pandemieprävention und -reaktion im Rahmen eines One-Health-Ansatzes“ gefördert werden. Ziel der Fördermaßnahme ist es, besser auf mögliche künftige Infektionsausbrüche vorbereitet zu sein und die trans- und interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Infektionsforschung sowie in der Praxis zu stärken. An WNVcombat sind folgende Partner beteiligt: die Charité – Universitätsmedizin Berlin, die Technische Universität Berlin, die Freie Universität Berlin, die Universität Bayreuth, das Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e. V., und das Land Berlin, vertreten durch die Gesundheitsämter Steglitz-Zehlendorf und Tempelhof-Schöneberg. WNVcombat wird bis 2031 mit insgesamt knapp drei Millionen Euro durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt.