Was als Vision der regenerativen Medizin galt, rückt näher an die klinische Praxis: Ein aus Stammzellen gezüchtetes Herzpflaster hat erstmals in einer klinischen Studie Wirksamkeit bei Patientinnen und Patienten mit schwerer Herzschwäche gezeigt.

Herzinsuffizienz betrifft weltweit Millionen Menschen und gehört zu den häufigsten Ursachen für Krankenhausaufenthalte und Todesfälle. Moderne Medikamente können das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und Beschwerden lindern. Bereits zerstörtes Herzmuskelgewebe, etwa in Folge eines Herzinfarktes, lässt sich bislang jedoch nicht wiederherstellen. Bei vielen Betroffenen bleibt als letzte Option nur eine Herztransplantation, für die jedoch nur wenige Spenderorgane zur Verfügung stehen. Der Bedarf an neuen Behandlungsansätzen ist daher groß.
Genau hier setzt das neu entwickelte Herzpflaster an: Es besteht aus Herzgewebe, das im Labor aus induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) gezüchtet wird. Dieses wird chirurgisch auf die Außenseite des Herzmuskels aufgebracht. Dort wächst es an, stabilisiert das Gewebe und unterstützt langfristig die Pumpfunktion.

Das Herzpflaster wird für die Operation vorbereitet.
UKSH
Was sind induzierte pluripotente Stammzellen?
Induzierte pluripotente Stammzellen, kurz iPS-Zellen, sind Stammzellen, die sich nahezu uneingeschränkt vermehren und in jeden Typ von Körperzellen ausreifen können – mit anderen Worten: Sie sind pluripotent. Die iPS-Zellen werden aus patienteneigenen Körperzellen, zum Beispiel Hautzellen, gewonnen. In der Zellkulturschale werden die Zellen mit Transkriptionsfaktoren, das sind Proteine, die die Genaktivität einer Zelle beeinflussen, behandelt. Mit deren Hilfe werden die fertigen Körperzellen quasi in einen embryonalen Zustand zurückversetzt, sie werden reprogrammiert. Anschließend können die iPS-Zellen dann zu spezialisierten Körperzellen umprogrammiert werden, zum Beispiel zu Herzmuskelzellen. Die Herstellung von iPS-Zellen gelang erstmals im Jahr 2006 und revolutionierte die Stammzellforschung. Seither haben zahlreiche Forschende die Herstellung und Nutzung der Zellen weiterentwickelt.
In der klinischen Phase-1/2-Studie zeigte sich erstmals, dass dieser Ansatz beim Menschen erfolgreich eingesetzt werden kann. „Bei den behandelten Patientinnen und Patienten verdickte sich die geschädigte Herzwand, die Herzfunktion verbesserte sich und viele berichteten über eine höhere körperliche Belastbarkeit und Lebensqualität. Gleichzeitig erwies sich das Verfahren als sicher und gut verträglich“, berichtet Studienleiter Professor Dr. Wolfram-Hubertus Zimmermann von der Universitätsmedizin Göttingen. Die im New England Journal of Medicine veröffentlichten Ergebnisse markieren einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer regenerativen Therapie für geschädigtes Herzmuskelgewebe. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für größere klinische Studien, in denen Wirksamkeit und Sicherheit nun weiter untersucht werden.

Das Herzpflaster aus Stammzellen wird zur Reparatur des Herzmuskels bei Herzschwäche eingesetzt.
umg/hzg
Mehr als 25 Jahre Forschung stecken im Herzpflaster
„Der Therapieansatz ist das Ergebnis von mehr als 25 Jahren Forschung und markiert einen wichtigen Schritt auf dem Weg von der Grundlagenforschung in die klinische Anwendung“, betont Zimmermann. An der Entwicklung des Herzpflasters waren Forschende der Universitätsmedizin Göttingen und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein maßgeblich beteiligt. Das Forschungsteam um Wolfram-Hubertus Zimmermann entwickelte das Herzpflaster über mehr als zwei Jahrzehnte. Die klinische Erprobung wurde unter der Leitung des Herzchirurgen Professor Dr. Ingo Kutschka, Universitätsmedizin Göttingen, umgesetzt. Unterstützt wurde die translationale Forschung unter anderem durch das Deutsche Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK), das vielversprechende Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung gezielt bis in die klinische Prüfung begleitet und den Austausch zwischen Forschung und klinischer Anwendung gezielt fördert.

Das Herzpflaster wird aus induzierten pluripotenten Stammzellen gewonnen Herzmuskel- und Bindegewebszellen in einem Kollagen-Hydrogel hergestellt.
umg/eva meyer-besting
Mit den nun geplanten Folgestudien in Deutschland, Europa und den USA beginnt die nächste Etappe auf dem Weg zur klinischen Anwendung. Bestätigen sich die bisherigen Ergebnisse, könnte das Herzpflaster künftig eine neue Behandlungsoption für Menschen mit fortgeschrittener Herzschwäche eröffnen – und zugleich zeigen, welches Potenzial regenerative Therapien für die Behandlung bislang nur begrenzt therapierbarer Herzerkrankungen bieten.
Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK)
Im Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung, kurz DZHK, bündeln 25 universitäre und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen an sechs Standorten in ganz Deutschland ihre Kräfte, indem sie eine gemeinsame Forschungsstrategie verfolgen. Das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und den Sitzländern geförderte DZHK bietet ihnen den Rahmen, um Forschungsideen gemeinsam, besser und schneller als bisher umsetzen zu können. Wichtigstes Ziel des DZHK ist es, neue Forschungsergebnisse möglichst schnell für alle Patientinnen und Patienten verfügbar zu machen und Therapien sowie die Diagnostik und Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verbessern.
Weitere Informationen: Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e.V.
Originalpublikation:
Zimmermann WH, Ensminger S, Kutschka I, et al. Stem-Cell-Derived Biologic Ventricular Assist Tissue in Heart Failure. N Engl J Med. 2026;394(20):1991-2001. doi:10.1056/NEJMoa2513525
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Wolfram-Hubertus Zimmermann
Institut für Pharmakologie and Toxikologie
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Straße 40
37075 Göttingen
w.zimmermann@med.uni-goettingen.de
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Deutsches Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung
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