April 2026

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Über ein Drittel der Demenzfälle in Deutschland beeinflussbar

Rund 36 Prozent der Demenzfälle in Deutschland lassen sich auf veränderbare Risikofaktoren zurückführen. Eine aktuelle Studie des DZNE und der Harvard Medical School zeigt großes Präventionspotenzial.

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Mehr als ein Drittel der Demenzfälle in Deutschland können grundsätzlich beeinflusst werden und wären somit vermeidbar oder könnten hinausgezögert werden: Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie von Forschenden des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) am Standort Rostock/Greifswald und der Harvard Medical School. Demnach lassen sich rund 36 Prozent aller Demenzerkrankungen auf Risikofaktoren zurückführen, die grundsätzlich beeinflusst werden können. Grundlage der Analyse sind aktuelle Daten aus dem Deutschen Alterssurvey 2023, einer bundesweiten, repräsentativen Befragung von Personen ab 40 Jahren.

Welche Risiken eine Rolle spielen

Veränderbare Risikofaktoren sind Einflüsse, die sich durch einen gesunden Lebensstil, eine gute medizinische Versorgung oder verbesserte gesellschaftliche Rahmenbedingungen reduzieren lassen. Die internationale Lancet-Kommission benennt über die gesamte Lebensspanne 14 solcher Faktoren. In der aktuellen Studie konnten zwölf davon anhand der Survey-Daten untersucht werden. Dazu gehören unter anderem

  • Bluthochdruck,
  • Schwerhörigkeit,
  • zu hohe Blutfettwerte,
  • niedriges Bildungsniveau und
  • körperliche Inaktivität.

Die aktuellen Ergebnisse sind im Einklang mit den Befunden der Lancet-Kommission. Demnach wären bei Eindämmung der bekannten 14 Risikofaktoren rund 45 Prozent aller Demenzerkrankungen weltweit vermeidbar oder könnten hinausgezögert werden.

DZNE Infografik mit Risikofaktoren für Demenz, Daten: The Lancet 2024

Darstellung der 14 veränderbaren Risikofaktoren für Demenz
 

DZNE, Daten: The Lancet 2024

Prävention könnte Hunderttausende Fälle verhindern

„Der Mehrwert der aktuellen Studie besteht darin, dass dieses Potenzial von uns nun speziell für die Situation in Deutschland untersucht wurde“, sagt Professor René Thyrian vom DZNE-Standort Rostock/Greifswald. Ohne bessere Präventionsmaßnahmen könnte die Zahl der Menschen mit Demenz hierzulande bis 2050 von derzeit etwa 1,8 Millionen auf rund 2,7 Millionen steigen.

Professor Thyrian und Dr. Iris Blotenberg, Postdoc in der Forschungsgruppe Thyrian und zum Zeitpunkt der Studie Gastwissenschaftlerin an der Harvard Medical School, berechneten, wie sich eine Verringerung der Risikofaktoren auf die Erkrankungszahlen auswirken würde. Die Modellrechnungen zeigen die Wirkung schon kleiner Veränderungen: Würden die modifizierbaren Risiken in der Bevölkerung nur um 15 Prozent sinken, ließen sich bis 2050 bereits rund 170.000 Demenzfälle verhindern oder deutlich verzögern. Bei einer Reduktion um 30 Prozent wären es sogar mehr als 330.000 Fälle.

Risiken sind ungleich verteilt

Zu den Risikofaktoren mit besonders starkem Einfluss in Deutschland zählen laut Studie

  • Depressionen,
  • Schwerhörigkeit,
  • ein niedriges Bildungsniveau,
  • Übergewicht und
  • Diabetes.

Viele dieser Faktoren lassen sich nicht allein durch individuelles Verhalten beeinflussen. Ebenso wichtig sind der Zugang zu einer guten medizinischen und sozialen Versorgung oder Gesundheitsbildung.

Eine ältere Frau trägt in ihrem linken Ohr ein Hörgerät

Schwerhörigkeit zählt in Deutschland zu den Risikofaktoren mit besonders starkem Einfluss auf die Entstehung einer Demenz.
 

Ingo Bartussek/AdobeStock

Da Menschen unterschiedliche Risiken haben, an einer Demenz zu erkranken, analysierten die Forschenden neben dem Gesamtrisiko auch typische Kombinationen von Risikofaktoren in der Bevölkerung. Mithilfe einer statistischen Methode, der sogenannten Latent-Class-Analyse, identifizierten sie mehrere Risikoprofile, also Gruppen mit jeweils ähnlichen Risikomustern:

Rund 18 Prozent der Menschen in Deutschland weisen demnach ein sogenanntes „Stoffwechselprofil“ mit Bluthochdruck, Übergewicht, erhöhten Cholesterinwerten oder Diabetes auf. Etwa 23 Prozent weisen ein „Sinnesprofil“ auf, das vor allem durch Hör- und Sehbeeinträchtigungen geprägt ist. Ein „Alkoholprofil“ mit erhöhtem Risiko durch Alkoholkonsum betrifft rund 24 Prozent. Demgegenüber zeigen etwa 36 Prozent ein „Niedrigrisikoprofil“ mit insgesamt wenigen Risikofaktoren.

Die Risikoprofile hängen eng mit sozialen und regionalen Merkmalen zusammen, darunter Alter, Bildung sowie Stadt-Land-Unterschieden. Menschen in Ostdeutschland, in ländlichen Regionen, ältere Männer und Personen mit niedriger Bildung gehören häufiger zu den Risikogruppen.

Chance für passgenaue Präventionsmaßnahmen

„Die Ergebnisse zeigen, dass Demenzprävention in Deutschland ein enormes Potenzial hat – und dass Risiken in der Bevölkerung sehr unterschiedlich verteilt sind. Prävention sollte deshalb nicht nach dem ‚Gießkannenprinzip‘ laufen, sondern dort ansetzen, wo Risiken gebündelt auftreten“, so Thyrian. Erstautorin Dr. Iris Blotenberg ergänzt: „Unsere Ergebnisse eröffnen die Chance, Präventionsmaßnahmen passgenauer zu planen – etwa mit einem Schwerpunkt auf psychischer Gesundheit, Hörversorgung und metabolischen Erkrankungen dort, wo der Bedarf am größten ist. Wenn Präventionsangebote an typische Risikomuster angepasst werden, können wir wirksamer und zugleich gerechter vorbeugen – nicht nur Demenz, sondern auch weiteren Erkrankungen, die mit diesen Mustern verbunden sind.“

Datenbasis und Methode

Die Lancet-Kommission nennt derzeit 14 veränderbare Risikofaktoren für Demenz über die Lebensspanne. Für Deutschland lagen dazu bisher vor allem ältere Daten vor. Die aktuelle Studie nutzt repräsentative Daten des Deutschen Alterssurveys 2023 (knapp 5.000 Teilnehmende, Personen ab 40 Jahren), die im März 2025 veröffentlicht wurden. Diese Informationen kombinierte das Forschungsteam mit internationalen Risikoabschätzungen, um das nationale Präventionspotenzial zu quantifizieren und Risikogruppen datenbasiert zu beschreiben.

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen 

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) ist eines der weltweit führenden Forschungszentren für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und ALS, die mit Demenz, Bewegungsstörungen und anderen schwerwiegenden Beeinträchtigungen der Gesundheit einhergehen. Diese Erkrankungen bedeuten enorme Belastungen für Betroffene und ihre Angehörigen, aber auch für die Gesellschaft und Gesundheitsausgaben. Das DZNE trägt maßgeblich zur Entwicklung neuer Strategien der Prävention, Diagnose, Versorgung, Behandlung und Pflege bei – und zu deren Überführung in die Praxis. Es hat bundesweit zehn Standorte und kooperiert mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen im In- und Ausland. Das DZNE ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und gehört zu den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung. Es wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und den Bundesländern gefördert, in denen die Standorte des DZNE angesiedelt sind.

Weitere Informationen:
im Internet unter www.dzne.de,
auf Facebook unter www.dzne.de/facebook
sowie auf Instagram unter www.instagram.com/dzne_de

Originalpublikation:
Blotenberg I, Thyrian JR (2025): Towards Targeted Dementia Prevention: Population Attributable Fractions and Risk Profiles in Germany. Alzheimer’s & Dementia: Diagnosis, Assessment & Disease Monitoring, Volume 17, Issue 4, DOI: 10.1002/dad2.70255

Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Dr. Iris Blotenberg
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
Standort Rostock/Greifswald
iris.blotenberg@dzne.de

Pressekontakt:
Dr. Sabine Hoffmann
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
Stabsstelle Kommunikation
sabine.hoffmann@dzne.de