25.02.2026

| Aktuelle Meldung

Therapie mit weniger Nebenwirkungen für Kinder mit seltener Nierenerkrankung

Bislang gibt es für Kinder mit der seltenen Nierenerkrankung idiopathisches nephrotisches Syndrom nur ein Medikament, das mit starken Nebenwirkungen verbunden ist. Jetzt gibt es Hoffnung auf eine effektive und zugleich besser verträgliche Alternative.

Vier Hände halten auf den Handinnenflächen eine schematische Darstellung der menschlichen Nieren.

Von der seltenen Nierenerkrankung INS ist rund ein Kind von 50.000 Kindern in Europa Kinder betroffen. © Adobe 323822474

Plötzliche Gewichtszunahme und sichtbare Wassereinlagerungen – so äußert sich meist das idiopathische nephrotische Syndrom, kurz INS, eine seltene Nierenerkrankung bei Kindern. Zwar sind von einem INS im Kindesalter nur rund eins von 50.000 Kindern in Europa betroffen. Damit ist das INS jedoch die häufigste Erkrankung der Nierenkörperchen (Glomerulopathie) im Kindesalter. Die Kinder scheiden übermäßig viel Eiweiß über den Urin aus und zeigen einen Mangel an Eiweiß im Blut, dieser wiederum führt zu Wassereinlagerungen im Gewebe.

Derzeit werden die betroffenen Kinder standardmäßig mit einer hohen Dosis des Immunsuppressivums Prednison, einem Glukokortikoid, behandelt. Dies führt zu einer vorübergehenden Abheilung der Krankheit und Verschwinden der Symptome. Die meisten Kinder (mehr als 70 Prozent) erkranken jedoch an Rückfällen des INS.  Glukokortikoide sind zwar klinisch sehr wirksam, führen jedoch zu erheblichen Nebenwirkungen. Zu diesen gehören unter anderem Wachstumsstörungen, Gewichtszunahme, der Verlust von Knochenmasse, aber auch psychische Beeinträchtigungen sowie ein erhöhtes Risiko für Infektionen und Herz-Kreislauferkrankungen.

Am 28. Februar 2026 ist der Tag der Seltenen Erkrankungen

Der internationale Tag der Seltenen Erkrankungen wird eigentlich am 29. Februar begangen – bewusst wurde mit dem Schalttag der seltenste Tag im Jahr ausgewählt. Entfällt der 29. Februar, wie in diesem Jahr, findet der Aktionstag am 28. Februar statt.

An den Seltenen Erkrankungen leiden jeweils nur wenige Menschen in einem Land – laut der in Europa gültigen Definition sind es nicht mehr als fünf von 10.000 Menschen. Zusammengenommen aber sind Seltene Erkrankungen kein seltenes Phänomen: Es gibt über 6.000 dieser Erkrankungen, allein in Deutschland sind mehrere Millionen Patientinnen und Patienten betroffen. Über Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der Seltenen Erkrankungen ist oft nur wenig bekannt. Häufig sind es sehr schwere oder erblich bedingte Krankheiten, die eine aufwändige Behandlung und Betreuung erfordern.

Seltene Erkrankungen - Gesundheitsforschung BMFTR

In einer vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderten klinischen Studie, an der 37 Studienzentren aus ganz Deutschland beteiligt waren, untersuchte daher die Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie, ob es eine andere, schonendere Möglichkeit gibt, die betroffenen Kinder zu behandeln. „Diese Alternative sollte möglichst genauso effektiv sein, gleichzeitig jedoch zu weniger Nebenwirkungen führen“, beschreibt Professor Dr. Burkhard Tönshoff, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg und Leiter der INTENT-Studie. Hierfür wurde die Substanz Mycophenolatmofetil, kurz MMF, gewählt. „MMF ist ebenfalls ein Immunsuppressivum, führt jedoch verglichen mit hochdosierten Glukokortikoiden zu weniger Nebenwirkungen “, sagt Tönshoff.

Weniger Nebenwirkungen bei vergleichbarer Wirksamkeit

Tatsächlich ergab die Studie, dass MMF – im Vergleich zur bisherigen Standard-Glukokortikoid-Therapie – eine effektive und zugleich besser verträgliche Alternative für die Behandlung des INS bei Kindern ist.  „Dies ist ein bedeutender Fortschritt“, so Dr. Marcus Benz und Professor Dr. Lutz T. Weber, Kinderklinik der Uniklinik Köln und klinische Projektmanager der INTENT-Studie, „da die derzeitige Standardbehandlung zwar klinisch wirksam ist, jedoch oftmals sowohl den körperlichen als auch den psychischen Zustand der betroffenen Kinder und ihrer Familien stark beeinträchtigt.“ Die Ergebnisse der Studie könnten somit nicht nur die Therapie des INS, sondern auch die Lebensqualität der Kinder und Familien verbessern.

Seltene Erkrankungen im Fokus

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt die Erforschung der Seltenen Erkrankungen seit 2003 mit Nachdruck: So wurden 163 Mio. Euro in nationale Forschungsverbünde investiert, die sich sowohl der Grundlagenforschung als auch der klinischen Forschung widmen. Eine aktuelle Förderrichtlinie hat bereits bestehenden Verbünden die Möglichkeit eröffnet, für weitere drei Jahre Fördergelder zu erhalten. Hier werden neun Verbünde von 2022 bis 2026 mit rund 21,5 Mio. Euro gefördert.

Zudem bildet die Forschung zu Seltenen Erkrankungen auch einen Schwerpunkt in dem künftigen Deutschen Zentrum für Kinder- und Jugendgesundheit (DZKJ).

Gemeinsam mit dem Bundesministerium für Gesundheit und der ACHSE e.V., einem Zusammenschluss von mehr als 130 Patientenorganisationen, engagiert sich das BMFTR darüber hinaus im Nationalen Aktionsbündnis für Menschen mit Seltenen Erkrankungen (NAMSE).

Seltene Erkrankungen - Nationale Förderung - Gesundheitsforschung BMFTR

Weiterhin beteiligt sich das BMFTR an internationalen Forschungsinitiativen, wie von 2007 bis 2024 zunächst an dem internationalen Netzwerk zur Förderung transnationaler Forschungsprojekte im Bereich der Seltenen Erkrankungen (E-Rare) und anschließend an dem European Joint Programme on Rare Diseases (EJP RD). Diese Zusammenarbeit wird nun innerhalb der European Rare Diseases Research Alliance (ERDERA) fortgesetzt und weiter ausgebaut. Insgesamt 178 verschiedene Organisationen aus 37 Ländern haben sich zum Ziel gesetzt, die Gesundheit und das Wohlbefinden von Menschen mit Seltenen Erkrankungen zu verbessern.

Für die INTENT-Studie wurden 272 Kinder, die zum ersten Mal an einem INS erkrankt sind und im Alter von einem bis zehn Jahren waren, zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Hälfte bekam die Standardtherapie mit hoch-dosierten Glukokortikoiden für sechs Wochen täglich und für weitere sechs Wochen jeden zweiten Tag. Die andere Hälfte wurde über den gleichen Zeitraum mit MMF behandelt, in den ersten zwei Wochen in Kombination mit niedrig-dosierten Glukokortikoiden. Das Ergebnis: Die Wirksamkeit der Behandlung war in beiden Gruppen vergleichbar. Rezidive, also ein Wiederauftreten der Krankheit, eines der wichtigsten klinischen Kriterien für die Beurteilung der Wirksamkeit einer INS-Behandlung, traten über eine Nachbeobachtungszeit von zwei Jahren in beiden Gruppen vergleichbar häufig auf. Gleichzeitig gab es in der MMF-Gruppe deutlich weniger Nebenwirkungen. So wurden etwa ausgeprägte Stimmungsschwankungen wie Aggressivität oder Depressivität, häufig berichtete Nebenwirkungen der Standardtherapie mit Glukokortikoiden, in der MMF-Gruppe deutlich seltener beobachtet. „Diese Studie liefert eine wichtige Grundlage, eine Behandlung mit MMF als wirksame und nebenwirkungsärmere Therapie in den zukünftigen Behandlungsleitlinien zur Initialtherapie des steroidsensiblen nephrotischen Syndroms im Kindesalter zu empfehlen. Die Ergebnisse der INTENT-Studie werden dazu beitragen, die Behandlungsstrategien beim INS grundlegend zu überdenken und individualisierte Therapieansätze zu favorisieren“, so die Einschätzung der Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie. Die INTENT-Studie wurde mit rund 2 Mio. Euro im Förderschwerpunkt „Klinische Studien“ vom BMFTR gefördert.

Klinische Studien

Bei der Aufnahme neuer Verfahren in die Versorgung spielt die klinische Forschung eine Schlüsselrolle. Ihr wichtigstes Instrument sind klinische Studien. Die wichtigste Frage in der klinischen Forschung ist die nach der Wirksamkeit und der Sicherheit neuer Behandlungsmethoden. Das gilt für Arzneimittel ebenso wie für neue Operationsmethoden. Die Studien vergleichen beispielsweise die Häufigkeiten von Komplikationen bei unterschiedlichen Operationstechniken. Auch wenn neue diagnostische Verfahren eingeführt werden sollen, die schonender und effektiver als etablierte Methoden arbeiten, müssen klinische Studien dies erst einmal wissenschaftlich belegen.  Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt seit mehr als 20 Jahren klinische Studien durch vielfältige Förderinitiativen. Im Rahmen der Fördermaßnahmen „Klinische Studien“ bzw. „Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ werden beispielsweise Diagnose- und Therapiemaßnahmen untersucht, für deren Nutzung noch kein wissenschaftlich erbrachter Nachweis vorliegt und an denen die Industrie kein unmittelbares wirtschaftliches Interesse hat. Dazu gehören beispielsweise auch Studien zu Seltenen Erkrankungen. Dafür wurden bisher mehr als 280 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.