April 2026

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Schlaflosigkeit – wenn die Nacht zur Qual wird

Was hilft Menschen, die an einer Schlafstörung leiden? Medikamente, Entspannung, kein Koffein am Abend? Eine Studie zeigt, dass besonders eine deutlich begrenzte Zeit im Bett dazu beiträgt, wieder zu einem gesunden Schlafrhythmus zurückzufinden.

Eine Frau liegt in einem Bett und hält sich die Hände verzweifelt an den Kopf

In Deutschland sind schätzungsweise fünf bis 15 Prozent der Erwachsenen von einer Insomnie betroffen.

Andrey Popov/AdobeStock 

„Heute Nacht habe ich schlecht geschlafen!“ Wer kennt das nicht? Fast jeder und jede schläft mitunter mal schlecht. Das allein ist kein Grund zur Sorge. Doch wenn Menschen über einen Zeitraum von mindestens einem Monat Schwierigkeiten haben, ein- oder durchzuschlafen, und sich das auf ihre Leistungsfähigkeit oder ihr Wohlbefinden am Tag auswirkt, dann sprechen Fachleute von einer Schlafstörung oder medizinisch von einer Insomnie. Ein gestörter Schlaf hat gesundheitliche Folgen: Insomnie ist ein Risikofaktor für verschiedene Erkrankungen, wie beispielsweise Depressionen, Herz-Kreislauf-Leiden und Diabetes.

„In Deutschland sind Schätzungen zufolge fünf bis 15 Prozent der Erwachsenen von einer Insomnie betroffen“, erläutert Professor Dr. Dr. Kai Spiegelhalder. Er ist Experte für Schlafforschung und Schlafmedizin am Universitätsklinikum Freiburg. Seit fast 20 Jahren beschäftigt sich Spiegelhalder mit Schlafstörungen, unter anderem ist unter seiner Leitung die aktuelle Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin entstanden. „In unserer medizinischen Leitlinie wird empfohlen, eine Insomnie mit einer Psychotherapie, genauer einer kognitiven Verhaltenstherapie zu behandeln, da diese erwiesenermaßen den Betroffenen hilft“, erklärt Spiegelhalder.

Die kognitive Verhaltenstherapie besteht aus fünf verschiedenen Bestandteilen: Bettzeit-Restriktion, Stimulus-Kontrolle, kognitive Therapie, Entspannungsverfahren und Psychoedukation. Bislang war jedoch unklar, wie wirksam die einzelnen Komponenten sind. „Mit dem Wissen, dass nicht alle Betroffenen mit Insomnie zeitnah eine kognitive Verhaltenstherapie erhalten, wollten wir herausfinden, welcher der fünf Bestandteile der Verhaltenstherapie am wirksamsten ist. Denn so können wir zukünftig die Behandlung effektiver und auch ökonomischer gestalten“, sagt der Schlafforscher. Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) hat er deshalb eine Netzwerk-Metaanalyse durchgeführt. Hierfür wurden 80 klinische Studien mit insgesamt mehr als 15.300 Patientinnen und Patienten mit Insomnie unter die Lupe genommen. Mit dem Ziel herauszufinden, welche einzelne Komponente der kognitiven Verhaltenstherapie den Betroffenen wirklich hilft.

Insomnie bei Erwachsenen

Einfache Regeln für einen gesunden Schlaf

  • Nach dem Mittagessen keine koffeinhaltigen Getränke (Kaffee, Schwarztee, Cola) mehr trinken
  • Alkohol weitgehend vermeiden und keinesfalls als Schlafmittel einsetzen
  • Keine schweren Mahlzeiten am Abend
  • Regelmäßige körperliche Aktivität
  • Geistig und körperlich aktivierende Tätigkeiten vor dem Zubettgehen vermeiden
  • Helles, aktivierendes Licht vor dem Zubettgehen vermeiden
  • Ein persönliches Einschlafritual einführen
  • Im Schlafzimmer für eine angenehme Atmosphäre sorgen (kühl, ruhig und verdunkelt)
  • In der Nacht nicht auf den Wecker oder die Armbanduhr schauen

(Quelle: Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin)

Was hilft Betroffenen wirklich? Bettzeit-Restriktion!

Das Ergebnis: Der effektivste Bestandteil der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie ist die sogenannte Schlaf-Restriktion, auch Bettzeit-Restriktion genannt. Sie vermindert die Schwere der Schlafstörung signifikant. Auch auf die Schlafqualität und die selbst empfundene Kontinuität des Schlafes hat die Bettzeit-Restriktion einen positiven Effekt. Auf die Dauer des Schlafes hingegen hat sie jedoch keine Auswirkung. „Die Idee hinter der Bettzeit-Restriktion ist es, die nächtliche Zeit im Bett über einige Wochen deutlich zu verkürzen. Einfach gesagt, verbringen die Betroffenen nicht die ganze Nacht – zum Teil wach – im Bett, sondern wirklich nur festgelegte Stunden. Tagsüber verzichten sie komplett auf ein Nickerchen, um so den Schlafdruck, also die körperlich bedingte Schläfrigkeit, in der Nacht maximal zu erhöhen“, beschreibt Spiegelhalder. Besonders am Anfang wird die Schlafzeit durch die Bettzeit-Restriktion stark eingeschränkt; so dürfen Patientinnen und Patienten beispielsweise zu Beginn frühestens um 1:00 Uhr zu Bett gehen und müssen spätestens um 6:00 Uhr aufstehen. Die Zeiten werden Woche für Woche ganz individuell angepasst. So wird der Anteil an Tiefschlaf-Phasen erhöht und das Ein- und Durchschlafen verbessert sich.

Doch auch zwei weitere Komponenten der kognitiven Verhaltenstherapie zeigten positive Effekte bei der Behandlung der Insomnie: die Stimulus-Kontrolle und die kognitive Therapie. Bei der kognitiven Therapie werden die Patientinnen und Patienten darin geschult, ganz individuelle Wege zu finden, nächtliches Grübeln zu vermindern. Denn genau dieses Grübeln hindert viele Menschen daran, wieder einzuschlafen. Auch die Stimulus-Kontrolle hat einen positiven Effekt: Sie verlängert die Dauer des Schlafs der Betroffenen. Bei der Stimulus-Kontrolle geht es darum, die psychologische Verknüpfung von Bett und Wachsein aufzubrechen und möglichst wenig Zeit wach im Bett zu verbringen, also auch nicht zum Lesen oder Fernsehen. Die zwei weiteren Bestandteile der kognitiven Verhaltenstherapie, Entspannungsverfahren und Psychoedukation, hingegen zeigten für sich allein genommen keinen signifikanten Einfluss auf die Insomnie.

Aus seiner langjährigen Erfahrung mit Patientinnen und Patienten mit Schlafstörungen weiß Spiegelhalder, dass ein Großteil der Betroffenen eine psychologische Behandlung bevorzugt, statt Schlafmittel zu nehmen. „Doch leider sieht die Versorgungsrealität oftmals anders aus“, beschreibt er. „Viele Patientinnen und Patienten bekommen zunächst nur Schlafmittel verschrieben. Diese Diskrepanz halte ich für sehr problematisch. Denn Schlafmittel können zwar kurzfristig helfen, haben jedoch Nebenwirkungen und keinen langfristigen positiven Effekt auf die Insomnie, sobald sie abgesetzt werden. Anders ist das bei der kognitiven Verhaltenstherapie.“

Metaanalysen: Viele Studien belegen mehr als eine

Einzelne klinische Studien liefern keine endgültigen Wahrheiten, sondern Wahrscheinlichkeiten. Weisen die Ergebnisse mehrerer Studien in dieselbe Richtung, ist ihre Aussage belastbarer als die einer Einzelstudie. Mithilfe sogenannter Metaanalysen können viele Studien zur selben Fragestellung, in diesem Fall zur Wirksamkeit der kognitiven Verhaltenstherapie für Insomnie, ausgewertet werden. Bei der Metaanalyse handelt es sich um ein statistisches Verfahren, das genauen Regeln folgt. Professor Spiegelhalder und sein Team nutzen die sogenannte Komponenten-Netzwerk-Metaanalyse. Bei dieser Analysemethode geht es darum, aus den vorhandenen Studiendaten die Effektivität einzelner Komponenten der Behandlung abzuschätzen.

Originalpublikation:
Steinmetz, L., et al. (2024): Network meta-analysis examining efficacy of components of cognitive behavioural therapy for insomnia, Clinical Psychology Review, Volume 114, December 2024, 102507: DOI: 10.1016/j.cpr.2024.102507 und DOI: 10.1016/j.cpr.2024.102519

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Dr. Kai Spiegelhalder
Leiter der Sektion für Psychiatrische Schlafforschung und Schlafmedizin
Universitätsklinikum Freiburg
Hauptstraße 5
79104 Freiburg
Kai.Spiegelhalder@uniklinik-freiburg.de