Das künftige Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) führt von zwei Standorten aus ein bundesweites Monitoring der seelischen Gesundheit durch. Die Daten machen gesamtgesellschaftliche psychische Belastungen und Schutzfaktoren erstmals messbar.
Wie geht es den Menschen in Deutschland psychisch? Diese Frage ließ sich bisher nur bruchstückhaft beantworten, denn belastbare Verlaufsdaten zur psychischen Verfassung der Bevölkerung fehlten oft.

Das künftige Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG) ändert das – ergänzend zur Nationalen Mental Health Surveillance des Robert Koch-Instituts (RKI) – mithilfe von langfristig angelegten Panels an zwei Standorten. Mit Förderung des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) baut das Zentrum ein wichtiges Monitoring-Instrument auf – durch das Deutsche Gesundheitsbarometer am Standort Bochum-Marburg und die DigiHero-Studie am Standort Halle-Jena-Magdeburg.
Beide Erhebungen erfassen die psychische Gesundheit bundesweit, wissenschaftlich fundiert und über Jahre hinweg, und machen so eine Art „psychische Fieberkurve der Nation“ sichtbar, die gleichzeitig als Frühwarnsystem dient. Bereits jetzt nehmen über 30.000 Erwachsene an den digitalen Befragungen des Deutschen Gesundheitsbarometers teil, perspektivisch sollen es 100.000 Menschen ab 16 Jahren sein, sowie weitere 50.000 Personen mit besonderen Risiko- und Schutzfaktoren oder Therapieerfahrung. DigiHero hingegen zählt inzwischen über 128.000 Haushalte, mit einer regionalen Tiefe, die Vergleiche zwischen Bundesländern, Stadt-Land-Räumen und Bevölkerungsgruppen ermöglicht. Das Panel entstand in der Pandemie und beschäftigt sich unter anderem mit Themen der Infektionsepidemiologie, wodurch es die Grundlage für mehrere Projekte zu postakuten Infektionssyndromen (PostCOVID) darstellt.
Beide Studien entstanden unabhängig voneinander und kooperieren nun innerhalb des DZPG. Die Panels ergänzen einander durch jeweils unterschiedliche Schwerpunktsetzungen und werden perspektivisch eine große gemeinsame Datenbasis mit über 250.000 Befragten schaffen.
Das künftige Deutsche Zentrum für Psychische Gesundheit (DZPG)
Das künftige DZPG ist eines von acht Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung und untersucht Ursachen, Prävention und Therapie psychischer Erkrankungen. 28 Forschungseinrichtungen an sechs Standorten in Deutschland bündeln hierzu ihre Expertise. An die zweijährige Aufbauförderung des künftigen DZPG schließt sich derzeit die fünfjährige Ausbauförderung an. Zu den Instrumenten gehören zwei große, langfristig angelegte Panels, die einander ergänzen:
Das Deutsche Gesundheitsbarometer (DZPG-Standort Bochum-Marburg und Uni Bochum) erfasst mehrmals im Jahr über psychische Beschwerden hinaus auch positive psychische Gesundheit, Resilienz und Lebenszufriedenheit sowie relevante Einflussfaktoren. Zusätzlich zu den Online-Erhebungen erfolgen präventive bzw. therapeutische Online- und Offline-Interventionen. Durch eine Kombination von epidemiologischen Erhebungen und Interventionsstudien ermöglicht das Panel die systematische Erforschung kausaler Mechanismen im Längsschnitt.
DigiHero (DZPG-Standort Halle-Jena-Magdeburg): Neben mehrmals im Jahr stattfindenden Umfragen, werden ebenfalls Interventionsstudien durchgeführt. In Teilprojekten werden Patientinnen und Patienten nach Entlassung aus einem Krankenhaus weiter begleitet. Zukünftig sollen weitere Haushaltsangehörige zur Studie eingeladen werden, sodass Themen, die die ganze Familie betreffen, aus verschiedenen Perspektiven untersucht werden.
Mehr Informationen: www.dzpg.org
Belastung nimmt zu – bei stabiler Lebenszufriedenheit
Die Befragungen zeigten zuletzt ein ambivalentes Bild. Viele Menschen berichten von hoher Lebenszufriedenheit; gleichzeitig verzeichnen die Forschenden einen leichten, aber stabilen Anstieg von Stress, depressiven Verstimmungen und Angstsymptomen, auch in der Phase nach der Pandemie. DigiHero-Verantwortlicher Professor Dr. Rafael Mikolajczyk betont: „Durchschnittswerte sagen wenig über die besonderen Belastungen von vulnerablen Gruppen aus. Mithilfe unseres Panels können wir diese Subgruppen jedoch präzise untersuchen. Dabei zeigt sich, dass zum Beispiel die Coronakrise vulnerable und psychisch vorerkrankte Gruppen stärker getroffen hat, während es anderen weiterhin gut ging.“ Ein wichtiger Befund in Hinblick auf zukünftige Prävention.
Digitale Panels wie das Deutsche Gesundheitsbarometer und DigiHero ermöglichen niederschwellige, langfristige Teilnahme über Jahre hinweg. © Azeemud/ peopleimages.com/Adobe
Von Reaktion zu Prävention
Psychische Erkrankungen verursachen hohe gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Folgekosten. Doch Prävention und versorgungspolitische Maßnahmen erfolgen häufig mit Verzug und nicht subgruppenbezogen. „Um psychische Gesundheit steuern zu können, muss sie zunächst verlässlich gemessen werden“, betont Professor Dr. Peter Falkai, Sprecher des künftigen DZPG. Die Panelstruktur ermögliche wiederholte Befragungen über Jahre. Damit können Trends, Risikogruppen und Resilienzfaktoren in Echtzeit erkannt und präventive Maßnahmen frühzeitig getroffen werden.
Ein wissenschaftlicher Vorteil mit politischer Wirkung
Im Gegensatz zu klassischen epidemiologischen Studien erfasst das Deutsche Gesundheitsbarometer nicht nur Stimmungsbilder, sondern prüft auch, welche Maßnahmen helfen könnten. Ein Beispiel: In einer experimentellen Teilstudie reduzierte eine Gruppe zwei Wochen lang die Social-Media-Nutzung. Zunächst traten Entzugssymptome auf, doch danach verbesserten sich messbar Depression, Angst, Stress und Wohlbefinden und der Effekt hielt an. „Solche Ansätze erlauben kausale Aussagen, statt bloß Korrelationen festzustellen“, erklärt Professor Dr. Jürgen Margraf, Leiter des Deutschen Gesundheitsbarometers. Das Bochumer Panel ermöglicht gezielte Interventionen mit direkter Rückmeldung – so kann Forschung schneller in die Praxis kommen. Genau hier sieht Professor Dr. Silvia Schneider, Sprecherin des künftigen DZPG, einen großen Nutzen der Panels: „Die Menschen sollen ganz praktisch von der Forschung profitieren.“
Ein Werkzeug für Gegenwart und Zukunft
Die Daten könnten künftig helfen, die Wirkung von Krisen auf die Psyche präzise zu benennen und damit auch zeitnah auf sie zu reagieren. Während der COVID-19-Pandemie etwa veränderte sich das psychische Wohlbefinden der Bevölkerung deutlich. Die Belastungen dauern an. Energiepreise, Ukrainekrieg, wirtschaftliche Unsicherheit summieren sich zu einer „Krisenstapelung“. Das Monitoring macht solche Effekte sichtbar und liefert Ansatzpunkte für zielgenaue Prävention und Versorgungsstrategien. Damit wird deutlich: Das künftige DZPG schafft mit dem Deutschen Gesundheitsbarometer und DigiHero Informationsgrundlagen für eine vorausschauende, evidenzbasierte Gesundheitspolitik.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
DigiHero:
Prof. Dr. Rafael Mikolajczyk
Institut für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und Informatik
Universitätsmedizin Halle
rafael.mikolajczyk@uk-halle.de
Deutsches Gesundheitsbarometer:
Prof. Dr. Jürgen Margraf
Ruhr-Universität Bochum
Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ)
juergen.margraf@ruhr-uni-bochum.de
Pressekontakt:
Deutsches Zentrum für Psychische Gesundheit
Dr. Pavel Radchenko
Tel.: 030 450-517262
presse@dzpg.org