| August 2026

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Mit mentalem Training und Neurostimulation gegen Depression

Innovativ und ungewöhnlich: Mit speziellen Verfahren der Neuromodulation und einem interaktiven Videospiel wollen Forschende im Verbund DiSCoVeR Depressionen lindern und eine zusätzliche Versorgung Betroffener im häuslichen Umfeld ermöglichen.

Eine Person sitzt an einem grauen Tag mit dem Rücken zum Betrachter auf einer Bank und schaut auf einen See.

Die Zahl der Menschen mit depressiven Symptomen nimmt seit Jahren zu, die Wartezeit auf Therapieplätze ist lang – der Bedarf an alternativen Behandlungsansätzen also ist hoch.  

Jochen / Adobe Stock

Depressionen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – in Deutschland erhielten im Jahr 2024 fast 17 % der Erwachsenen laut Robert Koch-Institut eine entsprechende Diagnose. Trotz wirksamer Therapien, spricht etwa ein Drittel aller depressiven Patientinnen und Patienten nicht ausreichend auf eine klassische Behandlung mit Medikamenten an und viele Betroffene erleben wiederkehrende depressive Episoden. Daher ist der Bedarf an innovativen therapeutischen Alternativen und ergänzenden Behandlungsansätzen hoch.

Hier setzte das Forschungsverbundprojekt DiSCoVeR an, das im Rahmen des ERA-NET NEURON durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert wurde. Die daran beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben einen Therapieansatz entwickelt, bei dem ein nicht-invasives Verfahren zur Hirnstimulation – die transkranielle Gleichstromstimulation, kurz tDCS (s. Infobox) – mit einem mentalen Training in Form von Mini-Videospielen kombiniert und zu Hause selbst von den Patientinnen und Patienten durchgeführt wurde.

Transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS)

Techniken der nicht-invasiven Hirnstimulation, wie beispielsweise die transkranielle Gleichstromstimulation (tDCS), gelten als vielversprechende und besonders gut verträgliche Behandlungsansätze bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Depressionen. Dabei werden Elektroden auf der Kopfoberfläche platziert, typischerweise über jenen präfrontalen Gehirnarealen, die in Zusammenhang mit depressiven Symptomen und einer veränderten Aktivität in diesen Netzwerken gebracht wurden. Ein über diese Elektroden applizierter schwacher elektrischer Strom soll die neuronale Aktivität modulieren. Die Methode wird in der Regel als gut verträglich beschrieben; berichtete Nebenwirkungen beschränken sich häufig auf leichte, vorübergehende Empfindungen wie beispielsweise Kribbeln auf der Haut.

Das Videospiel-Training diente dazu, die emotionale und kognitive Kontrolle zu trainieren, d. h. Funktionen, die bei Depressionen beeinträchtigt sein können und im Zusammenhang mit bestimmten Symptomen (z. B. Grübeln) stehen. Wissenschaftliche Vorstudien zeigten, dass kognitives Training präfrontale Gehirnareale aktivieren und potenziell depressive Symptome lindern kann. Auf dieser Grundlage wurden die beiden Verfahren in der DiSCoVeR-Studie kombiniert. Ziel war ein synergistischer Effekt auf präfrontale Funktionen und eine damit einhergehende antidepressive Wirkung des kombinierten Ansatzes. Eine weitere Besonderheit des im Rahmen von DiSCoVeR entwickelten Ansatzes war ein algorithmusbasiertes Tool, das in eine bestehende tDCS-Software integriert wurde. Es gab den Patientinnen und Patienten eine Anleitung, um die Stimulationselektroden präzise platzieren zu können, bevor die Stimulation und das Spiel starteten.

Wirksame Behandlungskombination für zuhause?

„Wir wollten herausfinden, wie beide Ansätze miteinander kombiniert und – kontinuierlich betreut durch erfahrenes Studienpersonal – von den Betroffenen selbst im eigenen Zuhause wirksam angewendet werden können“, beschreibt Professor Dr. Frank Padberg von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der LMU München. Er ist der Leiter der in Deutschland durchgeführten Teilstudie zur Überprüfung der Wirksamkeit des Verfahrens. „Angesichts begrenzter Ressourcen und Hürden in der klinischen Versorgung, z. B.  längerer Wartezeiten auf Psychotherapieplätze, wären weitere Behandlungsmöglichkeiten im häuslichen Rahmen von hoher Relevanz“, so Padberg.

Eine Probandin sitzt an einem Laptop und spielt ein Videospiel. Auf dem Kopf trägt sie Elektroden zur Hirnstimulation.

Mentales Training in Form von Mini-Videospielen und die gezielte Stimulation bestimmter Gehirnareale – im Forschungsprojekt DiSCoVeR wurde dieser kombinierte Behandlungsansatz gegen Depressionen erprobt, den Patientinnen und Patienten im eigenen häuslichen Umfeld durchführen können.

Prof. Mor Nahum, Jerusalem

Klinische Studie zeigt verbesserte Symptomatik

Eine an drei Studienzentren in Deutschland, Lettland und Israel durchgeführte kontrollierte klinische Studie sollte die Durchführbarkeit und Wirksamkeit der kombinierten Behandlung untersuchen. Dabei wurden die Probandinnen und Probanden randomisiert nach dem Zufallsprinzip einer Interventions- und einer Kontrollgruppe zugeteilt. Die Behandlungsbedingungen waren so gestaltet, dass den Probanden und dem Studienpersonal nicht ersichtlich war, welcher Behandlungsgruppe die Teilnehmenden zugeteilt waren. Insgesamt nahmen 111 Patientinnen und Patienten mit Depression an der Studie teil. Beide Behandlungsgruppen erhielten eine sechswöchige Behandlung im häuslichen Umfeld, die durch geschultes Personal vom Studienzentrum aus begleitet wurde. Die Probanden in der Interventionsgruppe erhielten die kombinierte Behandlung aus mentalem Training und tDCS. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Kontrollgruppe erhielten ein nicht spezifisch wirksames Pseudotraining und eine Placebo-tDCS.

Die Auswertung der Daten zeigte, dass sowohl die Kombinationsbehandlung aus tDCS und gamifiziertem kognitiven Training als auch die Placebo-Bedingung zu einer signifikanten Verbesserung der depressiven Symptomatik führte; die Forschenden konnten allerdings keine signifikanten Unterschiede in der Stärke der Verbesserung feststellen.

Das Studienteam sieht die Ergebnisse der Studie dennoch als wegweisend. „Der Behandlungsbedarf von an Depressionen erkrankten Personen wächst – sichere, gut verträgliche und vergleichsweise kostengünstige neue Therapieansätze sind also von besonderem Interesse“, sagt Padberg. „Die Studie zeigt, dass eine solche Kombinationsbehandlung im häuslichen Setting gut durchführbar und sicher ist, die spezifische antidepressive Wirksamkeit ist allerdings durch die Studie noch nicht belegt.“

Insgesamt weisen Metaanalysen darauf hin, dass tDCS über präfrontalen Gehirnarealen eine therapeutische Alternative zur Behandlung von depressiven Störungen sein kann, jedoch sind die Effektstärken klein bis mittel und die Ergebnisse uneinheitlich. Während einige Studien eine depressive Wirksamkeit zeigten, fanden andere Studien, ähnlich wie die DiSCoVeR-Studie, keine signifikanten Unterschiede zwischen tDCS und einer Plazebo-Bedingung in der depressiven Wirksamkeit. Der britische National Health Service hat im vergangenen Jahr die tDCS zur Behandlung von Depressionen dennoch zugelassen, und auch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat im Dezember 2025 eine vorläufige Zulassung (Premarket Approval, PMA) für ein tDCS-Gerät erteilt. „Es handelt sich also um ein hochaktuelles Thema, und aus unserer Studie geht bereits hervor, dass sehr innovative kombinierte Ansätze für die Behandlung von Depressionen zu Hause umsetzbar sind“, bilanziert Padberg. „Die Wirksamkeit dieser Verfahren auch bei schweren Depressionen muss aber weiter in hochwertigen klinischen Studien untersucht werden.“

DiSCoVeR

Der Verbund DiSCoVeR wurde im Rahmen des „Netzwerks Europäischer Forschungsförderung für Neurowissenschaften“ (NEURON) gefördert. NEURON ist Teil des ERA-NET-Programms der Europäischen Kommission, mit dem Forschungsanstrengungen und Förderprogramme im Bereich der krankheitsbezogenen Neurowissenschaften koordiniert und gebündelt werden sollen. Hierzu haben sich Förderorganisationen aus 28 verschiedenen Ländern zusammengeschlossen, um multinationale und kooperative Forschungsprojekte zu fördern.

DiSCoVeR wurde in enger Kooperation mit Verbundpartnern in der Schweiz, Israel und Lettland durchgeführt. Die internationalen Teams setzten sich aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Klinikerinnen und Klinikern verschiedener Fachrichtungen und Institutionen zusammen; technischer Support und das gamifizierte Training kamen von den Universitäten Genf und Lausanne in der Schweiz. Die klinische Studie wurde an drei Standorten durchgeführt: in München, im lettischen Riga sowie in Jerusalem.

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. med. Frank Padberg
Leiter der Sektion Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Center for Neurostimulation LMU (CNSLMU) 
LMU Klinikum
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Innenstadt
Nußbaumstrasse 7
80336 München
psychosomatik@med.uni-muenchen.de