18.03.2026

Herzmuskelzellen ließen den Funken endgültig überspringen

Sie ist eine feste Größe in der deutschen Krebsforschung – und im Interview wird deutlich: Die in Freiburg arbeitende Professorin Melanie Börries ist Forscherin aus Leidenschaft. Ihr Ziel: Menschen mit einer für sie passgenauen Therapie helfen.

Porträtfoto von Professorin Melanie Börries, die lächelnd in die Kamera schaut

Daten auswerten und die dabei gewonnenen Erkenntnisse wieder in die Medizin hineinzutragen – bei der Suche nach passgenauen Therapien ist das für Melanie Börries herausfordernd und erfüllend zugleich.

Britt Schilling / Universitätsklinikum Freiburg

Wie fast jeden Morgen ist Melanie Börries auch heute mit dem Rad zur Arbeit gefahren – für die Wissenschaftlerin ist die tägliche Dosis Sport ein unverzichtbarer Ausgleich in einem eng getakteten Alltag und Gelegenheit, Gedanken auch einmal loszulassen. „Morgens zehn Kilometer bergab und abends zehn Kilometer bergauf – danach habe ich den Stress weggeradelt und komme entspannt zuhause an, ohne gleich voller Elan von dem zu berichten, was am Tag vielleicht nicht so gut gelaufen ist“, sagt die Wissenschaftlerin.

Dabei läuft es gut für Melanie Börries. Ihr Forschungsfeld – individuell passgenaue Therapien bei Krebserkrankungen – erfährt enorme Aufmerksamkeit, und im vergangenen Jahr wurde sie für ihre Arbeit mit dem Deutschen Krebspreis ausgezeichnet. Börries sieht die Auszeichnung als Würdigung ihres ganzen Teams: „Hier ging es nicht um eine Einzelleistung, sondern um die gemeinsame Arbeit vieler Kolleginnen und Kollegen über Jahre hinweg. Wissenschaft ist für mich wirklich Teamarbeit – und Erfolge entstehen durch Kooperation“. Der Krebspreis ist ein Meilenstein für sie und ihr Team, noch wichtiger aber ist die Arbeit selbst: „Zu uns kommen Menschen mit einer Krebserkrankung, bei denen sich die Standardtherapie erschöpft hat“, berichtet Börries, „für sie eine neue Behandlungsoption zu finden – das macht meine Arbeit gleichermaßen herausfordernd und erfüllend.“  

Datenanalysen geben Aufschluss: Welche Therapie wirkt bei wem und warum?

Mit moderner Biotechnologie und gestützt auf Verfahren künstlicher Intelligenz analysiert Börries die molekularen Eigenschaften von Tumoren. Denn jede Form von Krebs hat ihre ganz eigenen Merkmale, eine eigene Systematik und einen eigenen Verlauf, betont die Systemmedizinerin. In ihrer Arbeit sucht sie Antworten auf vor allem eine Frage: Welche Therapie wirkt bei wem und warum? Im Molekularen Tumorboard der Universitätsklinik Freiburg hat die 54-Jährige mit ihrem Team digitale Werkzeuge entwickelt, die komplexe genetische Daten entschlüsseln und Ärzten und Ärztinnen so im Idealfall konkrete Therapieempfehlungen an die Hand geben können.

„Mit der Zeit haben wir nicht nur gelernt, große Datenmengen auszuwerten, sondern sie auch so darzustellen, dass die behandelnden Mediziner sie schnell erfassen und auf den Einzelfall anwenden können“, beschreibt Börries den Kern ihrer Forschung. In zehn Jahren, ist die Medizinerin überzeugt, „wird diese Form der Präzisionsmedizin ein fester Bestandteil der Routineversorgung sein“.

Börries hat das Molekulare Tumorboard in Freiburg mitaufgebaut. Hier arbeiten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus sehr unterschiedlichen Disziplinen zusammen: Bioinformatik, Onkologie, Pathologie, Molekularbiologie, Zellbiologie und Radiologie, aber auch Softwareentwicklung und Physik. Einmal pro Woche tritt das Tumorboard zusammen, pro Termin werden etwa 60 Patienten besprochen. Manche Fälle werden klinikintern an das Tumorboard überwiesen, etwa 30 Prozent der Fälle von externen Spezialisten aus dem niedergelassenen Bereich. „Und in 85 Prozent der Fälle können wir eine Therapieempfehlung aussprechen, deren tatsächliche Umsetzung allerdings von vielen Faktoren abhängt. Nicht immer lässt der Gesundheitszustand des Patienten das zu, bleibt für eine Therapie noch genügend Zeit“, sagt Börries.

Professorin Börries bei Laborarbeiten

Aus dem ursprünglichen Tumorgewebe können im Labor sogenannte Organoide gezüchtet werden. Diese Mini-Tumoren helfen bei der Wahl der bestmöglichen Therapie; an ihnen lässt sich beispielsweise die Wirkung von Medikamenten testen.  

Dr. Andreas Hoffmann

Ein Wunschtraum (noch): Weniger Hürden, mehr Tempo

Manchmal packt die engagierte Forscherin deshalb die Ungeduld und sie wünscht sich Rahmenbedingungen, „die es uns ermöglichen, schneller voranzugehen“. Als Wissenschaftlerin und Ärztin wünsche sie sich weniger Hürden, weniger Bürokratie bei den von großen, bundesweit agierenden Forschungsverbünden durchgeführten Studien, nur einen zentralen Datenschutzantrag, nur einen nötigen Ethikantrag, mehr Effizienz und mehr Tempo: „Wir würden enorme Ressourcen sparen und die Forschung erheblich beschleunigen“, sagt Börries. „Die Medizininformatik-Initiative hat hier wichtige Fortschritte erreicht. Und wenn wir es jetzt noch schaffen, dass die Patientendaten aus verschiedenen Krankenhäusern und niedergelassenen Praxen schnell, sicher und standardisiert verfügbar wären – das wäre ein echter Durchbruch.“

Börries Forschung ist nicht nur interdisziplinär, sondern vor allem translational ausgerichtet: Erkenntnisse aus dem Labor sollen möglichst zügig in der klinischen Versorgung ankommen. Wichtige Partner auf diesem Weg sind für sie auch die forschenden Pharmaunternehmen: „Um Innovationen schneller auf den Weg zu bringen, muss das translationale Dreieck von Forschung, Versorgung und Industrie noch viel enger werden“, ist Börries überzeugt.

Der „perfekte Dreiklang“: Patientenversorgung, Studium und Laborarbeit

Nicht nur aus diesen Worten klingt die Leidenschaft durch, die sie Zeit ihres Berufslebens und auf einem ungewöhnlichen Karriereweg begleitet hat. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Oldenburg, hat sich Börries nach einem freiwilligen sozialen Jahr zur Krankenpflegehelferin ausbilden lassen, ein Medizinstudium aufgenommen und schon im zweiten Semester mit ihrer Doktorarbeit begonnen. „Das war phantastisch“, schwärmt sie, „am Patientenbett zu stehen und die eigene pflegerische Erfahrung einzubringen, hat mir als Ärztin sehr geholfen und ist eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.“

Zu einem „perfekten Dreiklang“ wurde dies durch die begleitende Laborarbeit. In ihrem Fall war es eine bestimmte Art von Herzmuskelzellen, die die junge Studentin in der Kulturschale zum Schlagen brachte. „Das hat mich unglaublich fasziniert – wirklich zu verstehen, warum diese Zellen jetzt schlagen und wie ich das beeinflussen kann“, erinnert sich Börries. „In diesem Moment ist der Funke endgültig übergesprungen“.

Während ihrer Doktorarbeit an der Universität in Lübeck kam ein weiteres Interessengebiet hinzu: die Signal- und Kommunikationswege von Zellen. An der Universität Basel erwarb Börries einen zweiten Doktortitel in Zellbiologie, bald aber zog es sie an das Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Freiburg. Mathematische Modelle, Bioinformatik und Statistik prägen seither ihren Arbeitsalltag. „Zellen kommunizieren über ein fein austariertes Netzwerk miteinander – und genau das gilt es bei der Erforschung so komplexer Erkrankungen wie Krebs zu entschlüsseln“, so Börries.

Mit der Systembiologie und der Bioinformatik eröffnete sich der Medizinerin ein ganz neues und spannendes Feld: „Daten auswerten und die dabei gewonnenen Erkenntnisse wieder in die Medizin hineinzutragen“. Gemeinsam mit dem Physiker Hauke Busch erhielt Börries die Chance, eine wissenschaftliche Nachwuchsgruppe aufzubauen, die 2013 ans Institut für Molekulare Medizin und Zellforschung am DKTK überführt wurde, dem Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung. 2019 schließlich wurde Börries als Professorin für Medizinische Bioinformatik an die Universität Freiburg berufen.

Prof. Dr. Dr. Melanie Börries

Professorin für Medizinische Bioinformatik an der Universität Freiburg und Direktorin des Instituts für Medizinische Bioinformatik und Systemmedizin des Universitätsklinikums Freiburg

„So lässt sich untersuchen, auf welche Behandlung der Tumor besonders gut anspricht.

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„Ein besonders schönes Beispiel der Translation sind die sogenannten „Patient-derived-organoids“, kurz PDOs. Das sind kleine dreidimensionale Zellmodelle, die direkt aus dem Tumorgewebe von Patientinnen und Patienten bei uns im Labor gezüchtet werden. Diese Mini-Tumore bilden viele wichtige Eigenschaften des ursprünglichen Tumors sehr realitätsnah ab. Zum Beispiel können genetische Veränderungen, Wachstumsverhalten und auch Reaktionen auf Medikamente getestet werden. Dadurch können wir den individuellen Tumor eines Patienten, einer Patientin im Labor viel besser verstehen. Dies machen wir auch im Rahmen unseres Molekularen Tumorboards, in dem wir gemeinsam, also das heißt, die Ärzte, Ärztinnen und auch Wissenschaftlerinnen gemeinsam über eine bestmögliche Therapie entscheiden. Dabei können solche Organoid-Modelle eine wertvolle Ergänzung sein. Während zum Beispiel genetische Analysen Hinweise auf mögliche Zielstrukturen für Therapien liefern, ermöglichen genau diese Organoide zusätzliche funktionelle Tests. Im Labor können wir nämlich verschiedene Medikamente oder sogar Kombinationstherapien direkt an den patienteneigenen Tumorzellen oder Mini-Tumoren testen. So lässt sich untersuchen, auf welche Behandlung der Tumor besonders gut anspricht.“

Wichtig in der Wissenschaft: Ausgeprägte Soft Skills und tragfähige Netzwerke

Leidenschaftlicher Forscherdrang ist nicht das Einzige, was Börries in der Wissenschaft vorangebracht hat – neben dem inneren Antrieb brauche es „schon auch Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen und die Bereitschaft Einsatz zu zeigen,“ meint die 54-Jährige. Zur Herausforderung wurde das, als Börries nach der Geburt ihres Sohnes eine zweijährige Auszeit für die Familie nahm. Und doch: „Mein Zeit- und Projektmanagement war nie besser als in jener Zeit“, sagt Börries, die Rückfragen aus ihrem Team möglichst zügig und „auch zu sehr später oder früher Stunde“ beantwortet.

Was neben Zeit-, Projekt und Kommunikationsmanagement für eine Karriere in der Forschung wichtig ist? „Frühzeitig ein gutes Netzwerk aufbauen, das einen trägt“, weiß Börries. Das ist nicht nur beruflich gemeint: „Ohne die Unterstützung meines Mannes und meines Umfeldes wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Wir haben beide einen Beruf gewählt, der uns erfüllt und den wir unbedingt auch ausüben möchten.“ Familienzeit ist beiden wichtig, denn für Börries ist ein ausgefülltes Privatleben der beste Schutz, Herausforderungen auch im Beruf zu begegnen. „Im Urlaub nehmen wir uns intensiv Zeit für die Familie – und ich habe einen Mann, der darauf schaut, dass wir diese Familienzeit auch einhalten.“

Beruflich ist Börries Expertise in ganz Deutschland gefragt. Sie selbst ist häufig für Konferenzen, Vorträge und Fachtagungen unterwegs. Dabei bleibt das Fahrrad natürlich im Breisgau, stattdessen kommt die Laufausrüstung ins Reisegepäck. „In der Regel bleibt nicht viel Zeit, mir die Städte anzuschauen, in denen ich mich gerade aufhalte“, räumt die Wissenschaftlerin ein, „aber morgens früh aufstehen und schnell eine Runde laufen – das geht eigentlich immer.“

Zur Person
Seit 2019 ist Professorin Dr. Dr. Melanie Börries Inhaberin des Lehrstuhls für Medizinische Bioinformatik an der Universität Freiburg und Direktorin des Instituts für Medizinische Bioinformatik und Systemmedizin des Universitätsklinikums Freiburg.

Die Wissenschaftlerin leitet das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) geförderte Konsortium „Personalisierte Medizin für die Onkologie“ (PM4Onco) im Rahmen der Medizininformatik-Initiative. Gleichzeitig ist sie Standortsprecherin des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) in Freiburg – einem der Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG), das wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die klinische Anwendung bringen will. 2025 wurde Börries in der Kategorie „Translationale Forschung“ der Deutsche Krebspreis verliehen, eine der wichtigsten Auszeichnungen in der Onkologie im deutschsprachigen Raum.