Professor Dr. Tino Prell ist Direktor der Klinik für Geriatrie am Universitätsklinikum Jena. Das Bundesforschungsministerium hat ihn auf seinem beruflichen Werdegang mit verschiedenen Fördermaßnahmen zur Förderung der Altersforschung unterstützt.

Prof. Dr. Tino Prell
Inka Rodigast, Universitätsklinikum Jena
Die gute Nachricht ist: Wir werden immer älter und das nicht selten in guter Gesundheit. Doch die demographische Entwicklung bedeutet auch Herausforderungen für unsere Gesellschaft, für die Medizin und auch für die Gesundheitsforschung. Rund jeder vierte bis fünfte Mensch ist in Deutschland derzeit 65 Jahre oder älter. Um die Versorgung älterer Menschen zu verbessern, ist Forschung im Bereich Geriatrie und Gerontologie eine wesentliche Voraussetzung. Das Bundesministerium für Forschung, Raumfahrt und Technologie (BMFTR) setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, die Forschungskapazität der Altersforschung in Deutschland zu stärken, unter anderem mit der Förderung von Nachwuchsgruppen und der Unterstützung von neu eingerichteten Lehrstühlen in der Geriatrie und Gerontologie. Im Interview erläutert Tino Prell, wie er Altersforscher wurde und wie ihn das Bundesforschungsministerium auf seinem beruflichen Werdegang unterstützt hat.
Herr Professor Prell, Sie beschäftigen sich mit einem gesellschaftlich sehr relevanten Forschungsthema. Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit dem Thema Alter auseinanderzusetzen?
In der Versorgung älterer Patientinnen und Patienten wird besonders deutlich, dass medizinische Fragestellungen selten isoliert betrachtet werden können.
Prof. Dr. Prell
In der Versorgung älterer Patientinnen und Patienten wird besonders deutlich, dass medizinische Fragestellungen selten isoliert betrachtet werden können. Mehrfacherkrankungen, funktionelle Einschränkungen, psychische Belastungen und soziale Rahmenbedingungen greifen eng ineinander. Mich hat früh fasziniert, dass die Geriatrie ein Fach ist, in dem fächerübergreifendes und interdisziplinäres Denken nicht die Ausnahme, sondern die Regel darstellt. Besonders reizvoll ist für mich die enge Verknüpfung psychosozialer Aspekte, wie Einsamkeit oder soziale Inklusion, mit medizinischen Fragestellungen – ein Forschungsansatz, der großes Potenzial besitzt, um die Lebensqualität älterer Menschen nachhaltig zu verbessern.
Wie hat Ihnen die Förderung des BMFTR geholfen, Ihren beruflichen Weg zu gehen?
Die Förderung des BMFTR hat meinen beruflichen Werdegang in entscheidender Weise geprägt. Mit Unterstützung des BMFTR konnte ich in Jena eine Nachwuchsforschungsgruppe zur Therapietreue und Adhärenz im höheren Lebensalter aufbauen. Später wurde ich auf eine neu eingerichtete Professur für Geriatrie an der Universitätsmedizin Halle berufen, die im Rahmen eines vom BMFTR geförderten Forschungsprojekts zum Selbstmanagement geriatrischer Patientinnen und Patienten weiter gestärkt wurde. Im September 2025 kehrte ich an das Universitätsklinikum Jena zurück und habe dort nun die neu eingerichtete Professur für Geriatrie inne. Förderprogramme des Bundesforschungsministeriums sind insbesondere in der Hochschulmedizin von großer Bedeutung, da sie Forschung und Krankenversorgung strukturell besser miteinander verzahnen und verlässliche Karriereperspektiven ermöglichen.
Stärkung der Forschung in der Geriatrie und Gerontologie
Seit 2019 unterstützt das BMFTR acht Einzelvorhaben mit insgesamt bis zu 18 Millionen Euro an Hochschulstandorten, an denen eine neue Professur oder Nachwuchsgruppe in der Geriatrie oder Gerontologie eingerichtet wurde. Ziel ist es, die Altersforschung – die Geriatrie und Gerontologie – zu stärken, denn das hier erarbeitete Wissen trägt dazu bei, dass in der Versorgung die vielfältigen Bedürfnisse von älteren Menschen stärker berücksichtigt werden.
Mehr zu der Fördermaßnahme des BMFTR in der Altersmedizin
Stärkung der Forschung in der Geriatrie und Gerontologie - Gesundheitsforschung BMFTR
Woran haben Sie in den vergangenen Jahren mit Unterstützung des Bundesforschungsministeriums geforscht?
Ein zentraler Forschungsschwerpunkt war und ist das Selbstmanagement im höheren Lebensalter. Ältere Menschen stehen häufig vor komplexen gesundheitlichen Herausforderungen, die sie im Alltag eigenständig bewältigen müssen.
Prof. Dr. Prell
Mein wissenschaftliches Ziel ist es, dazu beizutragen, dass Menschen auch bei Mehrfacherkrankungen möglichst selbstbestimmt und zufrieden leben können.
Selbstmanagement umfasst dabei sowohl medizinische Aspekte wie den Umgang mit Symptomen oder die regelmäßige Einnahme von Medikamenten als auch psychosoziale Faktoren, etwa soziale Teilhabe oder den Umgang mit Belastungen. Im Rahmen unserer Projekte entwickeln und erproben wir strukturierte Unterstützungsangebote für häufige geriatrische Syndrome wie Stürze und Immobilität, Inkontinenz oder kognitive Einschränkungen. Ziel ist es, ältere Patientinnen und Patienten mit praxistauglichen, niedrigschwelligen Ansätzen dabei zu unterstützen, ihre Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Ein Blick in die Zukunft: In welchen Bereichen kann Forschung dazu beitragen, dass wir besser und gesünder altern?
Zukünftig sehe ich großes Potenzial in Forschungsansätzen, die medizinische, funktionelle und psychosoziale Dimensionen des Alterns systematisch zusammenführen. Konzepte wie die „Intrinsic Capacity“, also die Gesamtheit der körperlichen und mentalen Ressourcen eines Menschen, bieten hierfür einen vielversprechenden Rahmen. Darüber hinaus wird es entscheidend sein, Prävention, Selbstmanagement und Versorgungsforschung stärker miteinander zu verzahnen und neue Versorgungsmodelle wissenschaftlich zu überprüfen. Ein weiterer wichtiger Ansatz liegt in der transnationalen geriatrischen Forschung, die es erlaubt, soziale, kulturelle und biologische Determinanten des gesunden Alterns vergleichend zu untersuchen und ihre Wechselwirkungen besser zu verstehen. Digitale Unterstützungsangebote können hierbei helfen, müssen jedoch konsequent an den Bedürfnissen älterer Menschen ausgerichtet werden.