31.03.2026

| Aktuelle Meldung

„Es braucht Forschung auf vielen Ebenen“

Zur Endometriose gibt es viele offene Fragen – und fünf vom BMFTR geförderte Forschungsverbünde, die Betroffenen mit wissenschaftlich belastbaren Antworten helfen wollen. Im Interview berichtet Professor Bernhard Krämer zur Arbeit von ENDO-Relief.

Strichzeichnung einer Gebärmutter, durch eine Lupe betrachtet))

Endometriose – kein Tabu mehr, sondern ein Forschungsthema, dem sich die Wissenschaft verstärkt zuwendet. © valiantsin / Adobe 

Schätzungsweise zehn bis fünfzehn Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter sind von Endometriose betroffen – die Ursache der Erkrankung ist jedoch weitgehend unbekannt. Bei ihrer Behandlung geht es vor allem darum, Symptome zu lindern. Um Betroffenen besser helfen zu können, hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fünf Forschungsverbünde an den Start gebracht. Sie wollen offene Fragen zu Entstehung und Verlauf der Erkrankung beantworten und bessere Präventions-, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten finden.

Eines der vom BMFTR geförderten Vorhaben ist der Verbund ENDO-RELIEF, der von Professor Dr. med. Bernhard Krämer vom Universitätsklinikum Tübingen koordiniert wird. Hier werden Methoden der Grundlagenforschung mit klinischen Fragestellungen kombiniert, um herauszufinden, warum und wie sich Endometriose entwickelt. Im Interview erläutert Professor Krämer, was genau der Verbund in den Fokus nimmt.

Endometriose gilt als Krankheit mit vielen Gesichtern. Warum besteht hier ein so hoher Forschungsbedarf?

Endometriose ist eine gutartige Erkrankung, aber der Leidensdruck bei Betroffenen kann immens sein. Bereits junge Frauen können erkranken, daher besteht ein hoher Bedarf an Forschung, um die Diagnose und die Therapien besser auf die Lebensphasen abzustimmen, in denen die Symptome gravierend sind. Die Wissenschaft leistet hierbei einen wichtigen Beitrag: Nicht jede Endometriose führt zu den gleichen Problemen, offenbar gibt es große individuelle Unterscheide. Warum das so ist, muss besser untersucht werden. Deshalb ist es wichtig, dass sich die Forschung zur Endometriose auf mehreren Ebenen positioniert: die Grundlagenforschung, die klinische Forschung mit entsprechender Translation, aber auch die Aktivitäten, die sich mit Fragestellungen rund um den OP befassen, da die Operation immer noch eine wesentliche Säule der Therapie darstellt.

Wie ist der aktuelle Wissensstand?

Man geht davon aus, dass die Umgebung, in der sich Endometriose im Körper ansiedelt, das sogenannte Microenvironment, einen wesentlichen Einfluss auf die Symptome hat. Natürlich unterliegt eben auch dieses Umfeld vielfältigen Einflüssen wie beispielsweise Hormonen, Stoffwechsel, Entzündungen, genetischen Faktoren. Das Zusammenspiel dieser Parameter ist komplex, und wir sind gerade dabei, die Wege zu entschlüsseln, die möglicherweise für die Entstehung und die Symptome bei Endometriose charakteristisch sind.

Professor Dr. med. Bernhard Krämer

Professor Dr. med. Bernhard Krämer, Stellvertretender Ärztlicher Direktor Gynäkologie und Leiter des Endometriose-zentrums am Universitätsklinikum Tübingen.© UKT

Warum hat es so lange gedauert, das Thema anzugehen?

Endometriose ist zwar häufig, aber eine gutartige Erkrankung. Mittlerweile hat man glücklicherweise erkannt, dass trotz der „Gutartigkeit“ ein erheblicher Teil der Patientinnen durch die Symptome signifikant eingeschränkt ist und dies Konsequenzen für das private Umfeld und das Arbeitsleben haben kann. Im Gegensatz zu früheren Zeiten haben unsere Bemühungen in den Fachgesellschaften und auch in den Medien dazu geführt, dass Endometriose kein Tabuthema mehr ist. Folglich nehmen sich auch namhafte Forschergruppen immer häufiger dieses Themas an und können Gelder für die aufwändigen Versuchsvorhaben beantragen.

Und warum benötigt der Transfer in die medizinische Praxis oft viele Jahre?

Die Erkrankung ist wie gesagt so komplex, dass man nicht sofort vorhersagen kann, ob die erzielten Ergebnisse in der Praxisbreite tatsächlich relevant sind. Das muss meist in Folgestudien an möglichst vielen Patientinnen über Jahre geprüft werden, weswegen der Transfer und die tatschliche Umsetzung in den Alltag meist länger dauern.

Was genau wollen Sie im Verbund ENDO-Relief erforschen?

Das Zusammenspiel zwischen den Endometrioseherden und ihrer Umgebung liegt im Zentrum unserer Arbeit – wir sehen darin den Schlüssel zu einem besseren Verständnis der Krankheitsursache, die bislang immer noch nicht klar ist. Unseren betroffenen Patientinnen könnte somit mehrfach geholfen werden: zunächst mit einer besseren und möglichst wenig invasiven Diagnose der Erkrankung und zweitens mit möglichst „kausaler“, spezifischer Therapie, die ja nur möglich ist, wenn man den Auslöser kennt.

Endometriose ist nicht nur eine gynäkologische Erkrankung – welche Organe können noch in Mitleidenschaft gezogen werden?

Neben dem inneren Genitale, sprich Gebärmutter, Eileiter und Eierstöcke, sind häufig auch Bauchfell und die umgebenden Organe betroffen. Dazu gehören Scheide, Darm und Blase. Manchmal weisen wir Endometriose auch im Bereich des Zwerchfells nach. Andere Lokalisationen sind beispielweise in der Lunge möglich, aber glücklicherweise deutlich seltener.

Herzstück des Forschungsverbundes ENDO-Relief wird eine Biobank mit Gewebeproben und Körperflüssigkeiten sein – was ist das Besondere an dieser Biobank?

Unsere Biobank bietet uns und unseren Kooperationspartnern umfangreiche Möglichkeiten für neuartige Analysen von Gewebeproben und Körperflüssigkeiten wie Blutserum und Plasma. Durch die Langzeitlagerung der Proben können modernste Messmethoden eingesetzt werden, die zum Zeitpunkt der Probenentnahme noch nicht verfügbar waren.

Endometriose war in der Biobankforschung lange unterrepräsentiert – im Gegensatz etwa zur Onkologie. Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, das zu ändern: mit einer langfristigen, hochqualitativen Probensammlung, die der Erforschung dieser Erkrankung den Stellenwert gibt, den sie verdient.

Auch die Entwicklung künstlicher Modelle spielt in Ihren Forschungen eine große Rolle – was will man mit ihnen herausfinden?

In der Tat geben uns die Modelle die Möglichkeit, Endometriose außerhalb des Körpers nachzubilden. Wir benötigen dazu menschliches Material aus unserer Biobank, das wir wie in ganz kleinen Kraftwerken aufbereiten und teilweise mit einer Gefäßversorgung ausstatten. So entsteht gleichsam ein künstlicher Endometrioseherd, mit dem sich außerhalb des Körpers vielfältige Analysen durchführen lassen: beispielsweise spezielle Bildgebungsmethoden, Zellanalytik, unter Umständen auch Testungen neuer Medikamente. Das hat den Vorteil, dass dies unter exzellenten Laborbedingungen stattfindet, die möglichst gut reproduzierbare Ergebnisse liefern können.

Wird es irgendwann maßgeschneiderte Therapien für Endometriose-Patientinnen geben? Oder sogar eine Impfung gegen Endometriose?

Das können wir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher beantworten. Wir gehen aber davon aus, dass wir mit unserem Ansatz einen wichtigen Beitrag zum Verständnis leisten können, warum unterschiedliche Endometrioseformen zu unterschiedlichen Symptomen führen und warum diese im betreffenden Individuum so heterogen ausgeprägt sind. Von da ist dann der Schritt zu einer „personalisierten Therapie“ nicht mehr weit – genau so, wie wir es in den vergangenen Jahren in der Onkologie erleben. Ähnlich verhält es sich mit einer Impfung: Wir müssen zunächst die Oberflächen der Zellen charakterisieren, die bei der Endometriose beteiligt sind; erst danach ergibt sich die Möglichkeit, zielgerichtete Antikörper oder Impfstoffe zu entwickeln. Die Entwicklungen in diesem Bereich laufen in den letzten Jahren rasant, und wir strengen uns an, dass eben auch eine gutartige Erkrankung wie Endometriose mit solchen Ansätzen therapiert werden wird.