Trotz großer Fortschritte in der Krebsmedizin – der Bedarf an Forschung bleibt hoch. An der Universitätsklinik Essen startet ein Vorhaben, das die Lebensqualität von Langzeitüberlebenden bei Brustkrebs verbessern helfen will. Wir haben nachgefragt.

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Wenn der Krebs rechtzeitig erkannt wird, sind die Heilungschancen gut.
SK Elena / Adobe
Dank großer Fortschritte bei der Früherkennung und auch der Therapie sind die Überlebenschancen bei einer Krebserkrankung heute sehr viel höher als noch vor zehn Jahren. Das gilt auch für Brustkrebs, doch Fakt bleibt: Mit mehr als 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr in Deutschland und 2,3 Millionen weltweit ist Brustkrebs die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. Forschung und medizinische Fachkräfte stehen vor der Aufgabe, die Langzeitauswirkungen der Erkrankung und der sie begleitenden Behandlung möglichst gering zu halten – und den Betroffenen so mehr Lebensqualität zu schenken.
Etwa 80% der Brustkrebspatientinnen entwickeln einen Tumor, der in der Fachsprache als Hormonrezeptor-positiv (HR+) bezeichnet wird – das heißt, das Wachstum dieses Tumors wird von den weiblichen Hormonen Östrogen und / oder Progesteron beeinflusst. Ihre Prognose ist erfreulich gut: 70% von ihnen können durch endokrine Therapien, also eine Blockade des Östrogenrezeptors geheilt werden. Das bedeutet aber auch, dass es eine große und rasch wachsende Zahl von Patientinnen gibt, die über lange Zeit mit endokrinen Therapien behandelt werden und mit den Langzeiteffekten dieser Therapien und den damit verbundenen Einschränkungen ihrer Lebensqualität und ihrer Gesundheit leben.
Genau dies nimmt Professorin Dr. Kathrin Thedieck in den Blick: Im Forschungsverbund BALANCE-ET, der im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs gefördert wird, arbeitet sie mit ihrem Team daran, Rückfälle präziser vorherzusagen und Therapiekonzepte besser an die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen anzupassen. Wir haben die Wissenschaftlerin zu ihren Forschungsarbeiten befragt.
„Wir wollen Rückfälle präziser vorhersagen und individuell zugeschnittene Therapien.“
Heute hat die Mehrzahl der von Brustkrebs betroffenen Frauen gute Überlebenschancen – warum besteht dennoch ein hoher Bedarf an Forschung?
Das ist richtig, bedeutet aber auch, dass es immer mehr Patientinnen gibt, die in der Regel für fünf bis zehn Jahre mit endokrinen Therapien behandelt werden. Solche Therapien stoppen das Wachstum von Tumoren, indem sie die Wirkung körpereigener Hormone unterbinden oder deren Produktion hemmen – mit den damit verbundenen Langzeiteffekten und Einschränkungen in punkto Lebensqualität und Gesundheit. Die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls ist mit 30% zwar vergleichsweise gering, doch haben wir derzeit keine Tests, die sich für regelmäßige Screenings in Blut oder Urinproben eignen. Deshalb werden Rückfälle meist erst spät in fortgeschrittenen Krankheitsstadien diagnostiziert und die Betroffenen benötigen in der Folge lange und intensive Therapien. Deshalb braucht es neue Präventionskonzepte. Sie sollen helfen, Rückfälle präziser vorherzusagen und Therapien besser auf die individuellen Bedürfnisse der Patientinnen abzustimmen, indem Langzeit-Nebenwirkungen der Medikamente frühzeitig diagnostiziert und Therapien angepasst werden. Im BALANCE-ET-Konsortium wollen wir die einem Rückfall zugrunde liegenden molekularen Mechanismen besser verstehen und Daten von Patientinnen analysieren, die über lange Zeiträume beobachtet werden. Das ist essentiell, um solche Präventionskonzepte für Langzeitüberlebende zu entwickeln.
Derzeit gibt es in Deutschland etwa eine Million Menschen, deren Brustkrebserkrankung bereits länger als fünf Jahre zurückliegt. Diese Langzeitüberlebenden („Cancer Survivors“) erhalten oft über Jahrzehnte hinweg Medikamente, die ein erneutes Tumorwachstum unterdrücken, für viele Betroffene aber auch massive Beeinträchtigungen der Lebensqualität bedeuten. Mehr als 20.000 dieser Betroffenen erleiden jedes Jahr einen Rückfall.
Die aktuell angebotenen Therapien sind besser verträglich als eine Chemotherapie, aber auch sie können massive Beeinträchtigungen verursachen. Wie sehen diese aus?
Auch viele Patientinnen erhalten trotz ihrer eigentlich guten Prognose zu Beginn sicherheitshalber zusätzlich eine Chemotherapie, von der aber nur ein geringer Prozentsatz tatsächlich profitiert, während alle Patientinnen mit den negativen Langzeiteffekten zu tun haben. Wir haben jedoch derzeit fast keine diagnostischen Marker, die es Ärztinnen und Ärzten erlauben, Patientinnen, die auf die Chemotherapie verzichten können, von solchen zu unterscheiden, die sie aufgrund ihres außergewöhnlich hohen Rückfallrisikos brauchen. Deshalb geht man bei der Therapie auf Nummer sicher und nimmt damit eine Überversorgung und die damit verbundenen Folgeerkrankungen in Kauf.
Bei den endokrinen Therapien, die bis zu zehn Jahre durchgeführt werden, sieht es ähnlich aus. Auch hier gibt es derzeit keine diagnostischen Marker, die es erlauben, Patientinnen mit niedrigem Risiko, welche die Therapie früher beenden könnten, von solchen mit hohem Risiko zu unterscheiden, die von einer Verlängerung profitieren. Die Auswirkungen des langjährigen Hormonentzugs reichen von Menopause-ähnlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Hitzewallungen, einer verringerten Knochendichte und Depression über Fatigue-Symptome, die auch nach der Therapie anhalten, bis hin zu neuropsychiatrischen Beschwerden. Außerdem ist die Sorge vor einem Wiederauftreten der Erkrankung eine hohe psychische Belastung.
Langzeitüberlebende von Brustkrebs sind hiervon besonders betroffen. Das stellt nicht nur für die Betroffenen eine massive Einschränkung ihrer Lebensqualität dar. Auch die Gesellschaft insgesamt zahlt hierfür im wahrsten Sinne des Wortes einen hohen Preis, durch hohe Gesundheitskosten und eine langfristig eingeschränkte Produktivität der Langzeitüberlebenden im Arbeitsmarkt.

Professorin Dr. Kathrin Thedieck
UDE / Bettina Engel-Albustin
Was genau wollen Sie bei BALANCE-ET herausfinden?
Unser Konsortium hat es sich zum Ziel gesetzt, molekulare Marker zu entwickeln, die in Körperflüssigkeiten wie Blut und Urin messbar sind. Diese sollen bei Langzeitüberlebenden regelmäßig untersucht werden können, um das Risiko für negative Auswirkungen der ursprünglichen Krebserkrankung und der Therapie sowie ein Wiederauftreten rechtzeitig zu erkennen und ihre Therapie individuell anpassen zu können. In BALANCE-ET fokussieren wir hierfür auf Veränderungen des Stoffwechsels, die durch die Therapie im Tumor und seiner Umgebung sowie im gesamten Körper ausgelöst werden.
Wir wissen zwar, dass Krebserkrankungen und -therapien den Stoffwechsel tiefgreifend verändern und dass diese Veränderungen individuell sehr unterschiedlich sein können. Derzeit fehlt uns jedoch noch das detaillierte Verständnis, um dieses Wissen für Therapien und Prävention einsetzen zu können. Unsere Daten zeigen, dass hier insbesondere der Stoffwechsel der Aminosäuren, den Bausteinen für Proteine (Eiweiße), neue Ansatzpunkte bietet, die wir nun in BALANCE-ET für Langzeitüberlebende von Brustkrebs entwickeln wollen.
Welchen positiven Beitrag erhoffen Sie sich von der Kooperation mit anderen Institutionen?
Das BALANCE-ET Konsortium verbindet mit Essen, Heidelberg, Berlin, Dresden und Augsburg wichtige Standorte des Nationalen Zentrums für Tumorerkrankungen (NCT), die alle umfangreiche Biobanken mit Proben von großen Patientenkohorten auf- und ausbauen. Solche Biobanken sind insbesondere für die Untersuchung der Krankheitsmechanismen bei Langzeitüberlebenden eine essentielle Ressource, ohne die unsere Forschung nicht möglich wäre.
Ein ebenso wichtiger Baustein für unsere Forschung sind internationale, europäische Kooperationen. In BALANCE-ET arbeiten wir mit der Medizinischen Universität Innsbruck zusammen. In Österreich werden Brustkrebspatientinnen in ihren ursprünglichen Kliniken nachbehandelt, und es ist daher möglich, Biobanken aufzubauen, die die langen Beobachtungszeiträume abdecken, die wir für die Untersuchung der Langzeitüberlebenden bei Brustkrebs benötigen. In Deutschland ist das anders, weil die Patientinnen nach ihrer anfänglichen Diagnose und Operationen meist an niedergelassene Gynäkologinnen und Gynäkologen überwiesen werden, die nicht mit Biobanken vernetzt sind. Dank internationaler Kooperation erwächst aus den Limitierungen in einzelnen Versorgungssystemen eine Chance: Nationale Unterschiede in der Patientenversorgung erlauben den Aufbau unterschiedlicher Untersuchungsgruppen, mit denen wir ein breiteres Spektrum an medizinischen Fragestellungen beantworten können.
„Patienten-geleitete Forschung, Kommunikation und Strategien für die Umsetzung unserer Forschungsergebnisse in die klinische Praxis sind zentral für unsere Arbeit.“
Professorin Dr. Kathrin Thedieck
Warum braucht es auch eine Bündelung interdisziplinärer Expertise?
Um diese komplexen Untersuchungen umzusetzen, arbeiten bei BALANCE-ET Forschende aus ganz unterschiedlichen Disziplinen zusammen: Expertinnen und Experten der Biochemie und Biomedizin untersuchen mechanistische Zusammenhänge bis hin zu einzelnen Molekülen und helfen uns, einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Molekülgruppen – Proteine, Metabolite und Nukleinsäuren – zu gewinnen, die für die Therapieantwort und die Lebensqualität von Langzeitüberlebenden eine Rolle spielen. Eine klinische Epidemiologin wertet die hieraus entstehenden komplexen Datensätze im Zusammenspiel mit den weitreichenden klinischen Daten aus und achtet auf die korrekte klinische Statistik, damit wir die richtigen medizinischen Schlüsse ziehen können.
Künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen und Simulationsmodelle sind aus der biomedizinischen Forschung nicht mehr weg zu denken und werden eingesetzt, um beispielsweise Muster in komplexen Molekülmessungen in großen Patientengruppen zu erkennen und sie mit klinischen Beobachtungen zu verknüpfen. Psychologinnen und Psychologen werden gebraucht, um Fragen zur Lebensqualität richtig zu stellen und auswerten zu können. Und natürlich brauchen wir für die Analyse von Biobank-Proben medizinische Expertinnen und Experten sowie Ärztinnen und Ärzte, die mit langjährigem Einsatz im intensiven Austausch mit den Betroffenen Biobanken aufbauen und Proben zugänglich machen. Im interdisziplinären Austausch können wir entsprechende Studienkonzepte entwickeln, die am Ende neue Erkenntnisse über das Langzeitüberleben nach Brustkrebs bringen.
Das Projekt zeichnet sich durch eine enge Partnerschaft von Brustkrebs-Überlebenden und Forschenden aus. Warum ist die Einbindung von Betroffenen so wichtig und wie genau sieht diese aus?
Patienten-geleitete Forschung, Kommunikation und Strategien für die Umsetzung unserer Forschungsergebnisse in die klinische Praxis sind zentral für unsere Arbeit. Wir haben das Glück, drei Patientenvertreterinnen an Bord zu haben, die ihre Erfahrung als Brustkrebs-Überlebende mit fachlicher Expertise verbinden. So konnten wir eine Psychologin für unser Projekt gewinnen, die als Unternehmensberaterin eine eigene Firma leitet, eine Ärztin, die als Gynäkologin Erfahrung mit großen klinischen Studien bei Pharmaunternehmen hat und als Patientenberaterin arbeitet, und eine Molekularbiologin, die selbst seit vielen Jahren zu molekularen Mechanismen bei Brustkrebs forscht. Sie haben unser Projekt von Beginn an begleitet und die Forschungsziele mitbestimmt. Darüber hinaus erarbeiten sie Konzepte für unsere Kommunikation mit Patientinnen, um sie insbesondere für Fragen zu ihrer Lebensqualität in unsere Forschung einzubinden.
Zur Person
Die Biowissenschaftlerin Dr. Kathrin Thedieck ist seit Januar 2025 Inhaberin des Lehrstuhls für Metabolismus, Seneszenz und Autophagie an der Fakultät für Medizin der Universität Duisburg-Essen. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit konzentriert sich auf neue Therapieansätze für Krebserkrankungen und Tuberöse Sklerose (TS), eine seltene genetisch bedingte Erkrankung, die schon im Säuglingsalter Fehlbildungen und Tumoren in nahezu allen Organsystemen auslösen kann. Thedieck koordinierte das europäische Brustkrebskonsortium MESI-STRAT. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert das von ihr geleitete Projekt BALANCE-ET für drei Jahre mit rund 1,8 Millionen Euro im Rahmen der Richtlinie zur „Förderung von Forschungsverbünden zu molekularen Ursachen und Tertiärprävention von Langzeit- und Spätfolgen bei Langzeitüberlebenden von Krebserkrankungen – Nationale Dekade gegen Krebs“. BALANCE-ET ist ein Forschungsverbund, an dem Partner an fünf Standorten beteiligt sind: Essen, Heidelberg, Berlin, Dresden und Augsburg.