Ko-Vorsitzende des European Cancer Hub Germany Professorin Sonja Loges, erklärt, wie der European Cancer Hub Germany Forschung vernetzt, warum Prävention und Immuntherapie entscheidend sind und welche Rolle geschlechtssensible Studien spielen.

Professorin Dr. Dr. Sonja Loges
© FGV-Zentrum/Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg
Was macht den European Cancer Hub Germany besonders wichtig im europäischen Kontext und welche Ziele verfolgen Sie und Ihre Mitstreitenden ganz konkret mit dem Aufbau des deutschen Hubs?
Der European Cancer Hub stärkt die Sichtbarkeit deutscher Aktivitäten in der Krebsforschung, insbesondere der Nationalen Dekade gegen Krebs, in Europa. Gleichzeitig informiert er deutsche Akteure über relevante europäische Förderprogramme und Initiativen und vernetzt sie miteinander. Der Hub fungiert damit als bidirektionale Plattform: Er überträgt Inhalte der Europäischen Mission gegen Krebs und des Europe’s Beating Cancer Plans nach Deutschland und bringt gleichzeitig die Fortschritte der Nationalen Dekade in Prävention, Früherkennung, Diagnostik, Behandlung, Lebensqualität und Survivorship nach Europa, damit sie allen europäischen Krebspatienten zugutekommen.
Welche Veränderungen wären aus Ihrer Sicht notwendig, um eine wirklich europäische Forschungslandschaft zu schaffen, die globale Maßstäbe setzt?
Dies geschieht bereits über Förderprogramme wie Horizon Europe und Initiativen wie EUNet CCC, die europaweit einheitliche Strukturen für Comprehensive Cancer Center etablieren. Natürlich gibt es auch Verbesserungspotenzial, vor allem bei den bürokratischen Hürden, zum Beispiel in der Regulatorik von klinischen Studien oder dem Datenschutz. Hier investieren Forschende im globalen Vergleich sehr viel Zeit und Energie und ich mache mir Gedanken um die Konkurrenzfähigkeit Europas, insbesondere wenn man nach Asien schaut.
Wie haben Ihre eigenen Erfahrungen Ihre Sicht darauf geprägt, wie europäische Forschung und Vernetzung gelingen kann?
Ich persönlich habe sehr positive Erfahrungen im europäischen Forschungskontext gemacht. Ich hatte das Glück, einen sogenannten ERC-Starting Grant aus dem Horizont Europa Programm zu bekommen und damit meine Forschung deutlich weiter auszubauen. Der große Vorteil, den ich in der ERC-Förderung im Vergleich zu anderen Förderinstrumenten sehe, ist, dass sie es erlaubt, auch innovative Ideen zu verfolgen, für die es nicht bereits Vorarbeiten von mehreren Jahren gibt. Zusätzlich hat man mit der auf fünf Jahre ausgelegten Förderung auch genug Zeit, ein Thema umfassend zu bearbeiten. Zusätzlich bin ich Teil von EU Net CCC und profitiere sehr von dem Austausch mit den europäischen Partnerinnen und Partnern.
Ihre Forschung verbindet Translationale Medizin und klinische Anwendung in der Onkologie, welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie momentan als entscheidend im Kampf gegen Krebs an?
Ich sehe die Prävention und Früherkennung von Krebs als entscheidend an – 40 Prozent der Krebserkrankungen können vermieden bzw. früh erkannt werden durch zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und einen Lebensstil mit Bewegung, gesunder Ernährung, ohne Rauchen und mit wenig oder keinem Alkohol. Wir müssen und werden in den nächsten Jahren, insbesondere mit dem Nationalen Krebspräventionszentrum, daran arbeiten, dass beispielsweise Vorsorgeuntersuchungen stärker von allen Bevölkerungsgruppen wahrgenommen werden. Ein zweiter sehr wichtiger Bereich sind die Immuntherapien, diese haben die Behandlung von Krebserkrankungen revolutioniert und können bei Betroffenen mit fortgeschrittenen, metastasierten Krebserkrankungen unter Umständen dafür sorgen, dass diese weiterleben können. Auf der anderen Seite gibt es auch Patientinnen und Patienten, die nicht oder nicht mehr auf diese Therapien ansprechen oder Krebserkrankungen, die eine Resistenz zeigen. Wenn es uns gelingt, noch besser zu verstehen, was zum Ansprechen und zur Resistenz führt, und mit diesen Erkenntnissen die Immuntherapien zu verbessern, rückt eine Heilung bzw. Chronifizierung einer fortgeschrittenen Tumorerkrankung in greifbare Nähe.

Wie kann das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen dazu beitragen, geschlechtsspezifische Unterschiede in der Onkologie besser zu verstehen und die Krebsforschung insgesamt diverser und personalisierter zu machen?
Die geschlechtssensible Krebsforschung und -therapie ist mir ein großes Anliegen. Männer und Frauen sind nicht gleich, es gibt gravierende Unterschiede beispielsweise im Immunsystem und in der Verstoffwechselung von Medikamenten. Das hat starke Auswirkungen für alle. Diese geschlechtsspezifischen Unterschiede werden aktuell insbesondere bei klinischen Studien, die zur Zulassung neuer Krebsmedikamente führen, nicht berücksichtigt. Medikamente werden geschlechtsübergreifend zugelassen, obwohl die Datenlage es nicht erlaubt, die Wirksamkeit in beiden Geschlechtern statistisch verlässlich zu bewerten. Hier brauchen wir dringend geschlechtsspezifische klinische Studien. Ich bin sehr dankbar, dass wir im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen Mittel für die Durchführung einer großen Phase 3 Immuntherapiestudie nur für Frauen erhalten haben und hoffentlich einen Beitrag leisten können, den „Gender Data Gap“ in diesem Bereich zu vermindern.
Vielen Dank für das Gespräch.
Ansprechpartnerin:
Alexia Parsons
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
Kapelle-Ufer 1
10117 Berlin
alexia.parsons@bmftr.bund.de
www.dekade-gegen-krebs.de