August 2026

| Newsletter 124

5 Fragen an Professorin Dr. Uta Dirksen

Das Projekt HEROES-AYA geht der Frage nach, warum Sarkome bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft besonders schwer zu behandeln sind und wie neue Erkenntnisse den Weg zu besseren Therapien ebnen können. Ein Interview mit Prof. Dr. Uta Dirksen.

Portrait von Prof. Dr. Uta Dirksen

„Im Grunde ist das Fusionsgen wie ein Schalter, der die Zelle anders programmiert“, sagt Prof. Dr. Uta Dirksen vom Universitätsklinikum Essen, Forscherin im Projekt HEROES-AYA. 

Frank Preuss

Das im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs geförderte Projekt HEROES-AYA untersucht, warum Sarkome bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen oft schwerer zu behandeln sind und wie sich daraus neue Therapieansätze ableiten lassen. Im Interview erklärt Prof. Dr. Uta Dirksen vom Universitätsklinikum Essen, welche Rolle Fusionsgene spielen, welche Impulse Patientinnen und Patienten in die Forschung einbringen und warum Formate wie „Meet the Scientist“, beispielsweise als Teil der Wanderausstellung zum Wissenschaftsjahr „Medizin der Zukunft“, wichtig sind.

Sarkome bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden häufig durch Fusionsgene angetrieben. Was bedeutet das und warum ist eine langfristig wirksame Behandlung oft schwierig?

Bei diesen Tumoren werden, vereinfacht gesagt, Teile von zwei Genen neu zusammengefügt. Dadurch entsteht ein verändertes Eiweiß, das Krebswachstum antreiben kann. Im Grunde ist dieses Fusionsgen wie ein falscher Schalter, der die Zelle anders programmiert. Sie sind typisch für bestimmte Sarkome im Jugend- und jungen Erwachsenenalter.

Schwierig ist die Behandlung aus zwei Gründen: Diese veränderten Eiweiße lassen sich mit Medikamenten bislang nur schwer direkt blockieren, weil sie ihre Form ständig ändern. Außerdem schalten sie in der Zelle weitere Prozesse an, die das Tumorwachstum unterstützen. Selbst wenn man also einen wichtigen Treiber trifft, können andere Mechanismen weiterlaufen. Hinzu kommt, dass diese Tumoren oft sehr aggressiv sind und sich früh im Körper ausbreiten.

Im BMFTR-geförderten Projekt HEROES-AYA untersuchen Sie im Rahmen der Förderrichtlinie „Verbundforschung zu Tumorheterogenität, klonaler Tumor-Evolution und Therapieresistenz“ die Unterschiede und Veränderungen von Tumorzellen innerhalb eines Sarkoms und unter dem Einfluss einer Behandlung. Was können Sie daraus für die Entwicklung neuer Therapie lernen?

Sobald ein Tumor wächst, entwickeln einzelne Zellen innerhalb derselben Geschwulst unterschiedliche zusätzliche Veränderungen – genetisch wie auch nicht-genetisch. Genau diese Heterogenität ist einer der Hauptgründe, warum Behandlungen zunächst gut wirken und später versagen können: Eine Therapie kann den Großteil der Tumorzellen abtöten, aber die widerstandsfähige Subpopulation überlebt und kann sich ungehindert weiter ausbreiten.

Im Projekt HEROES-AYA untersuchen wir deshalb verschiedene Tumorbestandteile im Blut genau. Wir wollen verstehen, welche Zellgruppen besonders widerstandsfähig sind. Wir suchen dabei nicht nur Unterschiede, sondern auch die großen Gemeinsamkeiten der heterogenen Tumorzellen. Denn genau dort könnten neue Therapien am besten ansetzen.

Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist das besonders wichtig. Aus langjähriger Erfahrung wissen wir, dass derselbe Tumor in dieser Altersgruppe oft schwerer zu behandeln ist als bei jüngeren Kindern.

Bei HEROES-AYA arbeiten verschiedene Fachdisziplinen eng mit Patientenvertretenden zusammen. Welche Impulse bringen junge Betroffene und ihre Angehörigen in die Forschung ein?

Diese Zusammenarbeit ist wertvoll, weil sie in beide Richtungen wirkt. Betroffene bekommen einen realistischen Einblick, wie Forschung funktioniert und wie aufwendig sie ist. Umgekehrt hilft ihre Beteiligung den Forschenden, den Blick stärker auf das zu richten, was für Patientinnen und Patienten im Alltag wirklich zählt.

Der Perspektivwechsel schärft den Fokus: Welche Fragen sind für die Versorgung relevant? Wo braucht es schneller Fortschritte? Es geht darum, Erkenntnisse zu gewinnen, die sich in absehbarer Zeit in Richtung Klinik weiterentwickeln lassen.

Bei der Wissenschafts-Roadshow Health XP haben Sie in Lüdenscheid mit Besucherinnen und Besuchern über Krebsforschung gesprochen. Was können solche direkten Begegnungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit bewirken?

Viele Besucherinnen und Besucher wollten vor allem wissen, wie hoch ihr persönliches Krebsrisiko ist, wenn sie in der Verwandtschaft schon Krebsfälle hatten. Es gab auch viele Fragen zu neuen Therapien, etwa zur Immuntherapie. Dabei war oft wichtig zu erklären, dass nicht jeder Krebs gleich ist und nicht jede Behandlung für jede Krebsart geeignet ist.

Teaser NDK auf LinkedIn

Die Menschen merken einfach, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ansprechbar sind und dass man ganz normal miteinander über diese Themen reden kann. Deshalb machen solche Begegnungen Forschung nicht nur greifbarer, sondern schaffen auch essentiell wichtiges Vertrauen. 

Wenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Fortschritte wären für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit Sarkomen besonders wichtig?

Ein zentraler Punkt ist für mich der bessere Zugang zu neuen Medikamenten. Gerade bei seltenen Tumoren brauchen wir einen Rechtsrahmen, der es uns erlaubt, neue Wirkstoffe sorgfältig und in gut geplanten Studien auch für junge Patientinnen und Patienten zu prüfen. Abseits dessen glaube ich, dass neue Auswertungsmethoden, etwa mit Unterstützung von KI, helfen können, große Datenmengen besser zu verstehen und daraus schneller bessere Behandlungswege abzuleiten.

Genauso wichtig ist der Blick auf die Zeit nach der Behandlung. Viele Kinder und Jugendliche können heute geheilt werden. Aber wir wissen noch zu wenig darüber, wie wir sie langfristig bei möglichen Spätfolgen gut begleiten. Hier braucht es verlässliche Nachsorgeangebote in spezialisierten Zentren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ansprechpartnerin:
Alexia Parsons
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
Kapelle-Ufer 1
10117 Berlin
alexia.parsons@bmftr.bund.de
www.dekade-gegen-krebs.de