Juni 2026

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5 Fragen an Privatdozentin Dr. Raluca Mincu

Im Projekt I‑CHECK‑HEART wird erforscht, wie digitale Technologien die kardio‑onkologische Nachsorge nach Immuntherapien verbessern können. Im Interview erklärt PD Dr. Raluca‑Ileana Mincu, wie die Brücke zwischen High-Tech-Medizin und Versorgung gelingen kann.

Portrait von Dr. Raluca Mincu

„Wir wollen Herzrisiken erkennen, bevor sie zum Problem werden“, sagt Privatdozentin Dr. Raluca Mincu, Koordinatorin des Projektes ICHECKHEART und Oberärztin an der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Essen.

Dr. Raluca Mincu

Frau Dr. Mincu, was fasziniert Sie an der Schnittstelle von Onkologie, Kardiologie und Digitalisierung besonders?

Mich fasziniert besonders, dass wir heute immer mehr Krebspatientinnen und -patienten langfristig heilen oder über viele Jahre begleiten können. Damit rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie wir nicht nur das Überleben sichern, sondern auch die langfristige Lebensqualität erhalten. Genau an dieser Schnittstelle steht die Kardio-Onkologie: Moderne Krebstherapien können das Herz-Kreislauf-System beeinflussen, gleichzeitig eröffnen neue diagnostische und digitale Möglichkeiten enorme Chancen für eine frühzeitige Erkennung und Prävention.

Die Digitalisierung erlaubt uns dabei erstmals, Gesundheitsdaten kontinuierlich und alltagsnah zu erfassen, also nicht nur punktuell in der Klinik.

Im Projekt I-CHECK-HEART, das im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs (NDK) gefördert wird, setzen Sie auf eine App und KI-gestützte Auswertung von Gesundheitsdaten. Wie kann eine digitale Lösung mit Smartwatch und App dazu beitragen, Herzrisiken frühzeitig zu erkennen und gleichzeitig die Selbstbestimmung der Betroffenen zu stärken?

Immuntherapien können kardiovaskuläre Nebenwirkungen verursachen. Diese Veränderungen entwickeln sich teilweise schleichend und bleiben zunächst unbemerkt. Genau hier setzt I-CHECK-HEART an.

Durch die Kombination aus App, Smartwatch und KI-gestützter Datenanalyse möchten wir Vitalparameter, Aktivitätsmuster und patientenberichtete Symptome kontinuierlich erfassen und intelligent auswerten. Ziel ist es, individuelle Risikokonstellationen frühzeitig zu erkennen, bevor schwerwiegende Komplikationen entstehen.

Gleichzeitig stärkt eine solche digitale Lösung die aktive Rolle der Patientinnen und Patienten. Die Betroffenen erhalten verständlich aufbereitete Informationen zu ihrer Therapie, zu möglichen Warnzeichen und zu gesundheitsfördernden Maßnahmen. Damit fördern wir Gesundheitskompetenz, Selbstmanagement und eine partnerschaftliche Entscheidungsfindung zwischen Patientinnen und Patienten und behandelnden Teams.

Welche Chancen sehen Sie in Technologien wie KI-gestützten Analysen und kontinuierlicher Datenerhebung für eine wirklich personalisierte kardio-onkologische Nachsorge und wo verläuft für Sie eine wichtige Grenze im Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten?

Die große Chance liegt darin, dass wir Versorgung künftig deutlich individueller gestalten können. Nicht jeder Mensch hat das gleiche Risiko für Nebenwirkungen oder benötigt die gleiche Intensität in der Nachsorge. KI kann dabei helfen, komplexe Zusammenhänge zwischen klinischen Daten, Biomarkern, Symptomen und digitalen Gesundheitsdaten zu erkennen und daraus personalisierte Risikoprofile abzuleiten.

Dadurch könnten Nachsorgekonzepte in Zukunft gezielter, effizienter und gleichzeitig patientenschonender werden. Besonders in der Kardio-Onkologie, wo sich Risiken dynamisch verändern können, ist das ein wichtiger Schritt.

Gleichzeitig gibt es klare Grenzen. Der Schutz sensibler Gesundheitsdaten hat für uns höchste Priorität. Transparenz, Datensicherheit und die informierte Einwilligung der Patientinnen und Patienten sind essenziell. KI darf außerdem niemals die ärztliche Verantwortung ersetzen. Sie soll klinische Entscheidungen unterstützen, aber nicht autonom treffen. Für mich bleibt entscheidend, dass technologische Innovation immer dem Menschen dienen muss und nicht umgekehrt.

Die KI von I-CHECK-HEART wird mit Daten von Menschen trainiert, die bereits eine Krebsbehandlung hinter sich haben. Wie stellen Sie sicher, dass sich die Forschungsergebnisse langfristig auch auf andere Patientengruppen und Krebserkrankungen übertragen lassen?

Wir starten bewusst mit Melanompatientinnen und -patienten unter Immuncheckpoint-Inhibitoren, weil hier bereits eine hohe klinische Expertise und strukturierte Datengrundlagen vorhanden sind. Gleichzeitig untersuchen wir mit den Immuncheckpoint-Inhibitoren eine Therapieform, die inzwischen bei vielen Tumorarten etabliert ist und künftig noch breiter eingesetzt werden wird. Dadurch ist unser Ansatz von Beginn an sehr gut auf andere Tumorentitäten und Patientengruppen übertragbar.

Unser Ziel ist es, robuste klinische und digitale Marker für kardiovaskuläre Risiken zu identifizieren. Viele dieser Mechanismen sind nicht ausschließlich auf eine Tumorart beschränkt, sondern spiegeln grundlegende immunologische und kardiovaskuläre Prozesse wider. Deshalb arbeiten wir interdisziplinär und nutzen multimodale Datenansätze, die perspektivisch erweitert und angepasst werden können.

Wichtig ist uns außerdem die kontinuierliche Validierung der Modelle in unterschiedlichen klinischen Kontexten.

Logo der Nationalen Dekade gegen Krebs

Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung der kardio-onkologischen Nachsorge ein? Welche Veränderungen halten Sie für sinnvoll, und welche Rolle sehen Sie dabei für die NDK mit ihrem Fokus auf Survivorship und Patienteneinbindung?

Ich bin überzeugt, dass die kardio-onkologische Nachsorge in den kommenden Jahren deutlich an Bedeutung gewinnen wird. Durch die Fortschritte in der Krebsmedizin leben viele Patientinnen und Patienten heute länger, gleichzeitig steigen damit die Anforderungen an eine langfristige Begleitung und Prävention von Spätfolgen.

Sinnvoll erscheint mir vor allem eine strukturierte, interdisziplinäre und risikoadaptierte Nachsorge, die Kardiologie, Onkologie, Allgemeinmedizin und digitale Versorgung stärker miteinander vernetzt. Dabei sollten Patientinnen und Patienten nicht nur Empfänger medizinischer Maßnahmen sein, sondern aktiv in Entscheidungsprozesse eingebunden werden.

Die Nationale Dekade gegen Krebs setzt hier aus meiner Sicht ein wichtiges Signal. Der Fokus auf Survivorship, Lebensqualität und Patienteneinbindung zeigt, dass moderne Krebsmedizin weit über die reine Tumorbehandlung hinausgeht.

Vielen Dank für das Gespräch.


Ansprechpartnerin:
Alexia Parsons
Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR)
Kapelle-Ufer 1
10117 Berlin
E-Mail: alexia.parsons@bmftr.bund.de
www.dekade-gegen-krebs.de