06.03.2026

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Unterschätzte Gefahr – Erhöhtes Leberkrebs-Risiko bei Frauen nach den Wechseljahren

Immer mehr Menschen erkranken infolge von Übergewicht an Leberkrebs. Zum „Tag der gesunden Ernährung“ erklärt Professorin Dr. Ursula Klingmüller, wie mathematische Modelle helfen, das Risiko für Betroffene berechenbar zu machen.

Frau in Laborkleidung erklärt etwas anhand eines Leber-Modells

Früherkennung im Fokus: Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen könnten das Leberkrebs-Risiko künftig deutlich senken.

NanSan – stock.adobe.com

Die Leber ist ein wahres Regenerationswunder. Warum macht Ihnen dieses Organ trotzdem Sorgen?

Die Leber hat tatsächlich ein fantastisches Potenzial, sich ständig zu erneuern, weil sie permanent Giftstoffen ausgesetzt ist. Ohne diese Fähigkeit könnten wir gar nicht überleben. Das Problem ist jedoch: Sie kämpft so effizient und so lange im Stillen, dass wir Schäden oft erst bemerken, wenn sie schon massiv sind. Die Leber ist auch dann noch funktionsfähig, wenn sie eigentlich schon schwer erkrankt ist. Das führt dazu, dass Leberkrebs oft viel zu spät entdeckt wird.

In Ihrer Forschung sprechen Sie von einem „Kipppunkt“. Was passiert da genau im Körper?

Stellen Sie sich ein sehr komplexes Regulationssystem vor, das ständig versucht, die Balance zu halten. Aber durch chronische Überforderung – vor allem durch zu viel Fett und Zucker – gerät dieses System irgendwann aus dem Gleichgewicht. Besonders gefährlich ist die Kombination aus fettem Essen und zuckerhaltigen Softdrinks: eine unheilige Allianz für die Leber. Wenn diese Belastung über Jahre anhält, fallen die Kontrollmechanismen plötzlich aus. Das ist der Moment, in dem die Situation umschlägt und Krebs entstehen kann.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Ja, die gibt es definitiv. Bei Männern beobachten wir oft das Zusammenspiel von fettem Essen, wenig Bewegung und tendenziell mehr Alkohol. Bei Frauen spielt der Stoffwechsel eine besondere Rolle, wobei man zwischen der Zeit vor und nach der Menopause unterscheiden muss. Vor den Wechseljahren scheinen Frauen in Hinblick auf das Fortschreiten einer Lebererkrankung etwas geschützter zu sein. Das ändert sich jedoch nach der Menopause. Wir sehen derzeit sogar, dass das Risiko für ein aggressives Fortschreiten von Leberkrebs bei Frauen nach den Wechseljahren besonders stark zunimmt. Deshalb sollte man verstärkt auch diese Patientinnen in den Blick nehmen.

Tag der gesunden Ernährung am 7. März

Zum „Tag der gesunden Ernährung“ rückt auch die Leber als zentrales Stoffwechselorgan des Körpers in den Blickpunkt. Sie ist eine Überlebenskünstlerin, doch die heutige Dauerbelastung durch ein Übermaß an Fett und Zucker bringt sie an ihre Grenzen. Besonders die Kombination aus deftigem Essen, Alkohol und zuckerhaltigen Lebensmitteln kann das Krebsrisiko massiv erhöhen. Die gute Nachricht: Da sich das Organ ständig erneuert, zeigt jede Umstellung auf eine bewusste Kost oft schon nach wenigen Wochen Wirkung. Wer-den diese Belastungen reduziert, kann die Leber aktiv damit beginnen, bestehende Schäden zu reparieren.

In Ihrem Forschungsprojekt „SMART-NAFLD“ suchen Sie und Ihr Team nach sogenannten „Alarmsignalen“ im Blut. Wie wollen Sie den Patientinnen und Patienten helfen, bevor es zu spät ist?

Unser Ziel ist es, Marker im Blut zu finden, die man leicht bei einer Routineuntersuchung bestimmen kann. Wir suchen dabei nicht nach dem einen Biomarker, sondern nach einem ganzen Panel an Werten, die wir in mathematische Modelle einspeisen.

Portrait von Prof. Dr. Ursula Klingmüller

Professorin Dr. Ursula Klingmüller forscht am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg zur Entstehung von Leberkrebs.

DKFZ Heidelberg

Was verraten Ihnen diese Modelle?

Sie zeigen uns die so genannte Trajektorie an, also die individuelle Flugbahn, auf der sich ein bestimmter Patient bewegt. Wenn diese auf den Kipppunkt zusteuert, ist das das Signal für die Ärztin oder den Arzt, gezielter hinzuschauen, zum Beispiel mit bildgebenden Verfahren wie einem MRT. Gleichzeitig bekommt der Patient ein direktes Feedback: Sie bewegen sich gerade auf den Kipppunkt zu. Aber wenn wir jetzt gegensteuern, können wir Ihre Kurve wieder in den grünen Bereich bringen. Das gibt den Menschen die Kontrolle über ihr Schicksal zurück. Und das Beste: Da die Leber so regenerationsstark ist, lohnt sich jede Veränderung des Lebensstils sofort.

Kann man neben gesunder, fettarmer Ernährung auch medizinisch gegensteuern?

Es gibt Ansätze aus der Diabetesforschung, wie die sogenannten Abnehmspritzen. Sie können helfen, den Appetit zu zügeln und das Abnehmen zu unterstützen. Das kann eine Brücke sein, um erst einmal über den Berg zu kommen und wieder Mut zu fassen.

Wie kann man sich die Vorsorge in der Praxis vorstellen? Gehe ich dann einmal im Jahr zum „Leber-Check“?

Genau das ist die Idee. Da es bisher kaum strukturierte Vorsorgeprogramme bei metabolisch bedingten Lebererkrankungen gibt, entwickeln wir ein digitales Unterstützungssystem als Entscheidungshilfe für Medizinerinnen und Mediziner. In der Praxis könnte das so aussehen: Bei Patientinnen und Patienten mit einem gewissen Risiko werden regelmäßig Blutwerte erhoben, um bei einer schlechten Prognose rechtzeitig handeln zu können.

Wann wird Ihr digitales Unterstützungssystem einsatzbereit sein?

Erste Ansätze werden wir hoffentlich in etwa zwei Jahren sehen. Es braucht allerdings noch Zeit, um die Systeme vollständig auszubauen und zu validieren. Zudem gibt es regulatorische Hürden und Fragen des Datenschutzes zu klären. Da sich die Zahl der Leberkrebsfälle weltweit bis 2050 jedoch verdoppeln könnte, besteht dringender Handlungsbedarf.

Was ist angesichts dieser Prognose Ihre wichtigste Empfehlung?

Wir müssen von der Verdrängung zur wirkungsvollen Prävention kommen. Die Leber verzeiht viel, wenn wir ihr die Chance dazu geben. Unsere Forschung soll den Menschen zeigen: Ihr habt es selbst in der Hand, Euer Risiko wieder zu senken. Es ist nie zu spät, umzusteuern.

Forschungsnetz zur Früherkennung und Prävention von Leberkrebs

Das Projekt „SMART-NAFLD“ gehört zum interdisziplinären Forschungsnetzwerk „LiSyM-Krebs“, das im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) unterstützt wird. Die Forschungsteams untersuchen die Entstehung und geschlechtsspezifische Unterschiede von Leberkrebs und suchen frühe Biomarker für Diagnose und Prävention. Besonders hervorzuheben ist, dass die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Daten untereinander austauschen und so von einem sehr umfangreichen Datenschatz profitieren. Das BMFTR hat im Rahmen von LiSyM-Krebs in der ersten Phase (2021 bis 2024) 29 Forschungseinrichtungen mit rund 19 Millionen Euro gefördert. Für die zweite Phase stellt das Ministerium bis 2027 etwa die gleiche Fördersumme bereit.