22.09.2026

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Startschuss an der Medizinischen Universität Lausitz

Im Herbst starten die ersten Studierenden an der jüngsten Universitätsmedizin in Deutschland ihr Studium der Humanmedizin. Im Interview erklärt Professorin Dr. Adelheid Kuhlmey, was diese Universität so besonders macht.

Portrait Professorin Dr. Adelheid Kuhlmey

„Lehren – Forschen – Heilen und Vernetzen, diesen Vierklang bedienen wir hier an der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem“, sagt Professorin Dr. Adelheid Kuhlmey. Sie ist Medizinsoziologin, Gerontologin und Gründungsvorständin Wissenschaft an der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem.

privat

In der Lausitz wurde aus einer Vision Realität: Es entstand die erste staatliche Universitätsmedizin des Landes Brandenburg, die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem, kurz MUL – CT. Im Herbst 2026 starten die ersten Studierenden ihr Medizinstudium an der MUL – CT mit Sitz in Cottbus. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert den forschungsbezogenen Aufbau der MUL – CT mit bis zu 1,2 Milliarden Euro bis 2038 und stärkt so die Strukturentwicklung in Brandenburg. Denn durch den Ausstieg aus dem Braunkohleabbau stehen Regionen wie die Lausitz vor großen Herausforderungen. 

Frau Professorin Kuhlmey, Sie sind Gründungsvorständin Wissenschaft an der MUL – CT. Wie entstand die Idee, im Land Brandenburg eine Universitätsmedizin zu etablieren?

Die Idee zu diesem Großprojekt hat viele Mütter und Väter. Die Regierung des Landes Brandenburg hat initial entschieden, die Mittel für den Strukturwandel der Region zu großen Teilen in Innovation, Bildung und Forschung zu stecken. Und das finde ich großartig.

Die Gründung der Universitätsmedizin ist zu einem wichtigen Baustein des Strukturwandels in der Lausitz geworden. Der Anstoß dafür war, dass der Ministerpräsident und die Wissenschaftsministerin gesagt haben: „Das wollen wir machen!“ Ohne diesen mutigen politischen Initialzünder, wäre es sicherlich nicht so weit gekommen.

Und wie ging es dann weiter?

Vor sechs Jahren wurde die Idee dann in die Hände einer Experten-Kommission gegeben, zu der auch ich gehörte. Geleitet wurde sie von Professor Einhäupl, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Charité –Universitätsmedizin Berlin. Die Kommission hat ein Konzept für die neue Universitätsmedizin in der Lausitz entworfen.

Wir brauchten eine Idee, mit welchen Inhalten und Schwerpunkten sich diese neue Universität etablieren kann – und zwar vor dem Hintergrund, dass es bereits 39 staatliche Universitätsmedizinen in Deutschland gibt und dass große Unis wie Berlin, Dresden und Leipzig nicht weit entfernt sind. Nach einem Jahr stand das Konzept und es kam wirklich Tempo in die Sache. Es musste beispielsweise ein Universitätsmedizin-Gesetz auf den Weg gebracht und eine Uni-Gründung initiiert werden. Letztendlich verlief alles erfolgreich – und die neue Uni wurde am 1. Juli 2024 gegründet und im Herbst 2026 startet der erste Studiengang Humanmedizin.

 Luftaufnahme des derzeitigen Campus der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem.

 Luftaufnahme des derzeitigen Campus der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem.

Tom Liebert

Bedient die neue Universitätsmedizin den klassischen Dreiklang Lehren – Forschen – Heilen?

Eigentlich bedienen wir hier an der MUL – CT sogar einen Vierklang: Lehren – Forschen – Heilen und Vernetzen. Im Mittelpunkt des ganzen Projektes stand von Anfang an das bereits bestehende Klinikum-Carl-Thiem in Cottbus. Es ist ein Klinikum der Maximalversorgung mit einer über 130-jährigen Tradition und es bildet den Nukleus für den klinischen Bereich unserer Universitätsmedizin. Zu unserem Auftrag gehört es aber auch, die medizinische Versorgung in der „Modellregion Gesundheit Lausitz“ mit dem Klinikum zu vernetzen. Das ist natürlich eine Herausforderung: Zusammenwachsen zu lassen, was zusammengehört.

Welche besonderen Forschungsschwerpunkte sollen in der neuen Universitätsmedizin gesetzt werden?

Die Ausgangsüberlegung war: Mit welchen Forschungsschwerpunkten bekommt diese Universität ein Gesicht? So entstand die Idee, auf Schwerpunkte zu setzen, die in die Region passen – für die wir in Deutschland aber durchaus noch „Push-Komponenten“ brauchen. Die zwei Forschungsschwerpunkte „Digitalisierung im Gesundheitswesen“ und „Gesundheitssystemforschung“ lagen damit auf der Hand. Für jeden Schwerpunkt werden zehn Professuren geschaffen – damit holen wir viel Power für diese Themen in die Lausitz.

Wir haben uns zudem konzeptionell verpflichtet, dass auch die 60 Professuren, die wir über die notwendigen Fächer der ärztliche Approbationsordnung berufen, Input in diese Forschungsfelder geben. Zukünftig wird sich unsere Universität daran messen lassen müssen: Wo stehen wir mit unserer Forschung in den Schwerpunkten? Sind wir in Deutschland und über Deutschland hinaus damit sichtbar?

Welche Bedeutung haben die Forschungsergebnisse für Deutschland?

Wir wollen hier in der „Modellregion Gesundheit Lausitz“ so forschen, dass unsere Ergebnisse in ganz Deutschland umgesetzt werden können. Wir haben den Anspruch es nicht bei einzelnen Modell-Projekten in einer Region zu belassen. Wir möchten herausfinden, wie wir die Versorgung für eine immer älter werdende Bevölkerung in Deutschland verbessern können.

Um unsere Forschung voranzutreiben arbeiten wir mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) zusammen − unter dem Motto: „Zwei Universitäten – eine Stadt“. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Allianz zwischen Medizin und Technik noch nie so wichtig war. Beispielsweise wenn es darum geht, Drohnen zu entwickeln, die sehr schnell Arzneimittel aus der Nuklearmedizin zu dem nächsten Versorgungsstandort liefern. Oder auch im Bereich der Künstlichen Intelligenz, hier arbeiten wir eng mit den KI-Experten der BTU zusammen.

Hier geht es dann wieder um den erwähnten Vierklang, also auch um die Vernetzung?

Genau! Denn Vernetzten bedeutet für uns eben nicht nur Vernetzen im Versorgungsbereich − sondern auch mit den hier angesiedelten Forschungseinrichtungen: Für eine neue Wissenschaftsregion Lausitz! Sie soll eine Vorzeigeregion für Forschung und Entwicklung werden.

Ein Blick in das Foyer des neuen Haupteingangs der MUL – CT

Ein Blick in das Foyer des neuen Haupteingangs der MUL – CT

Martin Ender / MUL – CT

Kommen wir nochmal zurück zur Forschung: Wie werden die Fördergelder konkret eingesetzt?

Zunächst möchte ich sagen, dass wir mit der Bundesförderung ein großes Privileg für den forschungsbezogenen Aufbau der Universitätsmedizin haben. Der eine Teil der Fördermittel geht in die Förderung der Forschungsprojekte der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler selbst. Das Geld fließt also sozusagen in die vielen guten Ideen der klugen Köpfe, die wir mit der Bundesförderung an unsere Universitätsmedizin holen. Mit dem zweiten Teil der Bundesmittel bauen wir eine leistungsstarke Forschungsinfrastruktur auf und aus, beispielsweise eine Studienzentrale, eine Biobank und ein Datenintegrationszentrum. Die Forschungsinfrastruktur unterstützt unsere Forscherinnen und Forscher dabei, schnell eine national und international wettbewerbsfähige und sichtbare Forschung aufzubauen. Die Fördergelder unterstützen aber auch Programme der wissenschaftlichen Nachwuchsentwicklung. So richtet sich unser „Regine Hildebrandt-Programm“ an junge Wissenschaftlerinnen nach der Promotion und unterstützt den weiteren Karriereweg.

Wagen wir einen Blick in die Zukunft: Welchen Beitrag wird die Medizinische Universität Lausitz langfristig für einen nachhaltigen Strukturwandel in der Region leisten?

Eine Universitätsmedizin ist immer ein großer Arbeitgeber und ein Magnet für junge, kluge Köpfe. Diese Sogwirkung erleben wir hier bereits – in den Technik- und Serviceabteilungen des Klinikums, aber auch bei den Ärztinnen und Ärzten: Die Unimedizin hat seit Gründung eine Sogwirkung für Rückkehrer in die Region. Also für Menschen, die die Lausitz verlassen haben, auch weil sie beruflich keine Zukunft gesehen haben. Sie kommen mit neuen beruflichen Chancen zurück. Durch den Bau von Forschungs- und Lehrgebäuden ist die Universität aber auch ein Impulsgeber für die Baubranche. Die MUL – CT ist eine Gelegenheit, um Menschen hier eine berufliche Zukunft in der Lausitz zu geben und natürlich auch, um hier Medizin zu studieren.

Der Start des Medizinstudiums jetzt im Oktober 2026 ist aber nicht nur der Start eines 40. Medizinstudiengangs in Deutschland. Das ist ein Versprechen an die Menschen hier in der Region. Ein Versprechen, dass wir mit dieser Universitätsmedizin dafür sorgen, dass die ärztliche, die pflegerische, die therapeutische Versorgung für die 600.000 Lausitzerinnen und Lausitzer auch in Zukunft nach aktuellstem Stand der Wissenschaft gewährleistet ist.

Was die die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem ganz persönlich für Frau Professorin Kuhlmey bedeutet, erfahren Sie im Audio-Zitat:

Vollständiges Zitat

In den vielen Jahren, in denen ich an der Berliner Charité gearbeitet habe, war Brandenburg immer mein Ausgleich. Ich habe die Region schon immer geliebt. Als Berlinerin bin ich jahrzehntelang in die Lausitz und in den Spreewald gefahren. An die Medizinische Universität Lausitz – Carl Thiem bin ich allerdings erst als Pensionistin gekommen – nach 43 Jahren an der Berliner Charité. Durch meine Rolle in der Experten-Kommission war ich mit dem Projekt sehr vertraut und so wurde ich gefragt, ob ich als Gründungsdekanin an die MUL kommen möchte. Es ist ein Privileg, am Ende meiner beruflichen Laufbahn, so ein Projekt mit einer solchen Nachhaltigkeit mitgestalten zu dürfen. Es ist ein Privileg, ein kleines Stück des Weges dieser Universitätsentwicklung mitgegangen zu sein und kluge, junge Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und nun auch die Studierenden in die Lausitz geholt zu haben, die das Werk in Zukunft fortsetzen werden.