03.02.2026

Mittler zwischen Mensch und Maschine

Vom Braunkohle-Revier zu einer Leuchtturmregion für innovative Pflege – der geplante Strukturwandel im südlichen Sachsen-Anhalt ist ein großer Schritt. Taktgeber ist Professor Patrick Jahn, Pflegewissenschaftler und ausgebildeter Krankenpfleger.

Porträt von Prof. Dr. Patrick Jahn mit einem Roboter im Arm.

Ein neuer Kumpel im Revier: Prof. Dr. Patrick Jahn, Wissenschaftlicher Leiter der TPG und Professor für Versorgungsforschung an der Universitätsmedizin Halle, zeigt den Assistenzroboter NAO. © UMH

Ein Sonntag im Weinberg in der Nähe von Eisleben in Sachsen-Anhalt: Der Blick geht weit über die Höhnstedter Platte, Teil eines der nördlichsten Weinanbaugebiete Deutschlands. Professor Dr. Patrick Jahn hat Freunden bei der Weinlese geholfen, nun sitzen sie zusammen und schauen auf eine schöne, aber von Abraumhalden industriell geprägte Landschaft. Jahn sieht noch etwas mehr – sein Einsatzgebiet bis zum Jahr 2033. Er leitet das Projekt TPG; eine Abkürzung für den treffenden, aber sperrigen Namen „Innovationsregion für digitale Transformation der Pflege und Gesundheitsversorgung“. Wofür steht die TPG? Zunächst einmal: Für eine tiefgreifende Infrastrukturmaßnahme des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), die die Region zu seinen Füßen in ein Zentrum für nutzerfreundliche digitale Lösungen in der Gesundheitsversorgung verwandeln will.

Das „Mitteldeutsche Revier“ rund um Halle an der Saale wurde jahrzehntelang vom Braunkohletagebau geprägt – doch der Ausstieg ist beschlossene Sache: Spätestens im Jahr 2038 soll das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland stillgelegt werden. Die Bundesregierung unterstützt den Strukturwandel in den ehemaligen Kohleregionen und die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Projektstart der TPG war im November 2024. Bei erfolgreichem Projektverlauf können bis 2033 mit Förderung durch das BMFTR rund 140 Millionen Euro investiert werden, um digitale Lösungen für Pflege und Gesundheitsversorgung aufzubauen und die regionale Gesundheitsversorgung zu verbessern.

Zeit des Wandels: Zukunftsmedizin statt Zeche

Bits und Bytes also statt Braunkohle, Apps statt Abbau und Zukunftsmedizin statt Zeche – es ist ein großer Wandel, der von Patrick Jahn als wissenschaftlichem Leiter und seinem Team angestoßen wird. Doch er kommt zum richtigen Zeitpunkt, findet der Pflegewissenschaftler, der auch einen Lehrstuhl für Versorgungsforschung an der Universitätsmedizin Halle innehat. „In Zeiten einer immer älter werdenden Gesellschaft brauchen wir Lösungen, damit pflegebedürftige Menschen wohnortnah gut versorgt werden können“, so Jahn. „Deshalb fördert die TPG digitale Innovationen in der Pflege und Gesundheitsversorgung – finanziell, aber auch, indem wir Menschen zusammenbringen und Rahmenbedingungen schaffen. Wir arbeiten eng mit Partnern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zusammen, um neue Technologien – wie zum Beispiel Assistenzroboter – zu entwickeln, zu erproben und in der Praxis anzuwenden.“  

Ein Roboter trägt eine Einkaufstasche für eine ältere Dame.

Komplexe Assistenzroboter helfen vielleicht eines Tages dabei, den Alltag besser zu bewältigen. © Caro Krekow/TPG

„Krankenpflege – damit kommt man überall hin“

Das klingt nach intensiver Netzwerkarbeit, vielen Absprachen und wichtigen Entscheidungen ­- und nach einem Job für jemanden, der wie ein Jongleur gern viele Bälle gleichzeitig in der Luft hält. Für Jahn ist diese Aufgabe genau richtig, denn er bringt die passende Mischung aus Neugierde und Freude an greifbaren Ergebnissen mit. Und er weiß, wovon er redet, wenn es um praktische Verbesserungen im Pflegealltag geht, denn er hat selbst mehrere Jahre als Pfleger gearbeitet. Der 49-Jährige stammt aus einem kleinen Ort in der „sächsischen Provinz“, wie er sagt, und weiß nach dem Abitur vor allem eines: Auf keinen Fall gleich studieren.

Geprägt von einem christlichen Elternhaus spürt er den Wunsch, sich für andere einzusetzen, aber in den Nachwendejahren auch große Reiselust, und so entscheidet er sich für eine Ausbildung zum Krankenpfleger, ein Beruf, der heute „Pflegefachmann“ heißt. „Ich dachte: Damit kommt man eigentlich überall hin“, erinnert er sich.

Für Jahn trifft das zu: Nach der Ausbildung in Nürnberg geht er für zwei Jahre ins palästinensische Westjordanland. Er findet eine Stelle in einer Reha-Einrichtung für körperbehinderte Jugendliche und ist in Beit Jala plötzlich ziemlich allein auf sich gestellt: „Ich habe dort sehr eigenständig gearbeitet als Krankenpfleger und die medizinische Rehabilitation gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten im Westjordanland und in Israel koordiniert. Ich konnte Untersuchungen anordnen und Medikamente verschreiben – es war ganz anders als in Deutschland.“

Nach zwei Jahren kehrt er hochmotiviert dorthin zurück, spezialisiert sich als Pfleger auf geriatrische Rehabilitation. Doch nach zwei weiteren Jahren reichen ihm die Handlungsspielräume, die er als Pflegefachkraft hat, nicht mehr aus. „Ich wollte meinen Beruf weiterentwickeln und etwas gestalten.“ Er bekommt 2001 in Halle einen der wenigen Studienplätze in Pflegewissenschaften, die es damals in Deutschland gibt. Ein Medizinstudium war keine Alternative für ihn. „Im Ausland habe ich gesehen, was für Spielräume der Pflegeberuf bietet und wie nah wir am Menschen und seinen Bedürfnissen sind.“

In seinem Umfeld stößt er immer wieder auf Unverständnis für diese Entscheidung: „Die beliebteste Frage war: Was macht man denn damit?“ Jahn fasst es für seine Eltern auf einem Notizzettel zusammen, denen diese Frage oft von Freunden und Bekannten gestellt wird. Jahn stört das nicht. Er genießt die akademische Freiheit, studiert zusätzlich Philosophie sowie Arabisch und geht schließlich in die Forschung, um gezielt zur Weiterentwicklung des Berufsbildes Gesundheits- und Krankenpflege beizutragen.

Pflege ist für viele Menschen immer noch etwas, was man tut – und kein Studienfach, denn hier werden weder neue medizinische Behandlungsverfahren entwickelt noch Wirkstoffe für Medikamente entdeckt. Wie wichtig der wissenschaftliche Blick auf gute Pflege ist, zeigte Jahn am Beispiel der Tumorschmerzforschung – ein Thema, zu dem er seine Doktorarbeit geschrieben hat.

Prof. Dr. Patrick Jahn

Wissenschaftlicher Leiter der TPG und Professor für Versorgungsforschung an der Universitätsmedizin Halle

„Mit guter Pflegeforschung können wir einen sichtbaren Beitrag für bessere Behandlungsergebnisse leisten – zum Beispiel in der Schmerztherapie von Krebspatientinnen und -patienten.“

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„In der Schmerztherapie haben wir seit rund 30 Jahren wirklich gute Medikamente und dennoch leiden viele Krebspatienten unter starken Schmerzen – weil sich zeigt, dass rund die Hälfte aller Menschen die Medikamente nicht so einnimmt, wie sie sinnvollerweise verordnet werden. In meiner Doktorarbeit konnte ich zeigen, wie sehr die richtige Pflegeberatung den Unterschied macht: Patientinnen und Patienten, die von Pflegenden in ihrer Gesundheitskompetenz und im Selbstmanagement der Schmerzmedikamente geschult wurden, ging es nach der Entlassung aus der Klinik deutlich besser als Betroffenen, die keine entsprechende Schulung erhalten hatten. Diese und andere Forschungsergebnisse tragen mich eigentlich bis heute, weil sie mir zeigen, dass wir mit guter Pflegeforschung einen sichtbaren Beitrag für bessere Behandlungsergebnisse leisten können.“

Nicht über die Köpfe, sondern in die Köpfe der Menschen

Strukturwandel ist in vielen Regionen notwendig – und nicht nur in Sachsen-Anhalt werden die Menschen immer älter und es fehlt an Pflegefachkräften. Jahn hofft daher, dass das Modell der TPG beispielhaft sein kann für andere Regionen und bundesweit Nachahmer findet. Eines Tages, so sein Ziel, soll die TPG sich verstetigen und sich beispielsweise über eigene Einnahmen, Hochschulmittel oder öffentlich finanzieren.

In Sachsen-Anhalt zumindest geht es seit dem Projektstart mit großen Schritten voran. Das liegt am enormen gesellschaftlichen Interesse – der Wunsch nach modernen Lösungen für gute Pflege betrifft fast jeden Menschen, jede Familie, jede Versorgungseinrichtung. Doch es gibt noch einen zweiten Erfolgsfaktor. Das TPG-Team versucht, die Fehler anderer aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen: „Ich habe die Wendezeit in der ehemaligen DDR miterlebt und gesehen, dass viel über die Köpfe der Menschen hinweg passiert ist“, fasst Patrick Jahn zusammen. „Wir versuchen, es anders zu machen. Eine Transformation darf nicht ,von oben‘ entschieden werden, sondern die Menschen müssen wirklich bereit sein, mit neuen Technologien wie beispielsweise Robotern oder VR-Brillen zu interagieren.“ Natürlich gibt es viele Fragen. Die Angst, dass Pflegende von Robotern ersetzt werden können, ist jedoch aus Sicht von Jahn stark zurückgegangen, weil der Personalmangel so groß und jede Form von Unterstützung willkommen ist. „Viele Pflegende, aber auch die Leitungen von Versorgungseinrichtungen fragen uns eher: ,Wann können wir das häufiger einsetzen?‘ “, sagt er.

Testflug einer Drohne, die Medikamente transportieren kann.

Auf neuen Wegen: Eine spezielle Drohne kann eilige Medikamente schneller zu Menschen in ländlichen Regionen bringen. Hier im Bild ein Testflug. © TPG

Die „Innovationsregion für digitale Transformation der Pflege und Gesundheitsversorgung“ (TPG) setzt sich aus drei Säulen zusammen: Sie fördert innovative Forschungs- und Entwicklungsprojekte durch ein Innovationsmanagement. Die Maker- und Education-Labs bringen an fünf Standorten rund um Halle an der Saale Forschende, Pflegefachpersonen, Entwicklerinnen und Entwickler sowie Bürgerinnen und Bürger zusammen. Und im Digitalen FortschrittsHub „Care:ecoHUB“ der Medizininformatik-Initiative werden schließlich Pflegedaten aus fünf Einrichtungen in den Landkreisen erfasst, harmonisiert und für die Forschung sowie Entwicklung neuer Technologien im Bereich Pflege zugänglich gemacht.
Weitere Informationen:
Care:ecoHUB: Die Pflege der Zukunft im Praxistest

Wie KI Erinnerungen bewahren kann

Bis die TPG ihre Ziele erreicht und regionale Versorgungsfragen mit innovativer Technik gelöst hat, ist es noch ein weiter Weg. Doch auch kleine Schritte freuen das TPG-Team, wie ein Beispiel aus Eisleben im Landkreis Mansfeld Südharz zeigt: Die Pflegedienstleitung eines Pflegeheims vor Ort hatte sich gewünscht, mehr über die Biografien der Bewohnerinnen und Bewohner zu erfahren, um sie besser einbeziehen können. Es fehlte jedoch am Personal, um diese Gespräche zu führen. „Wir konnten einen Technologiepartner vermitteln, der eine Künstliche Intelligenz entwickelt hat. Diese KI interviewt die Menschen und stellt daraus eine Autobiografie zusammen“, so Jahn. Das Ergebnis: Aktuell sprechen in Eisleben über 300 betreute Pflegebedürftige ihre Biografien ein – und es entstehen 300 Lebenserinnerungen, die sonst vermutlich nie erzählt worden wären.

Wie ist es, ein so großes Projekt wie die TPG zu leiten? Jahn lacht: „Ich kann hier genau das tun, was ich mir gewünscht habe: Die Bedürfnisse von Menschen erkennen, sie unterstützen und einen Unterschied machen.“ Das ist schön, aber manchmal auch anstrengend. Einen Ausgleich findet er bei einer Tätigkeit, in der ausnahmsweise nicht Zuhören, Lösungen finden oder Menschen ins Gespräch bringen erforderlich ist – sondern einfach nur Kraft, Ausdauer und gleichmäßige Bewegung: Er rudert. Aber aktuell schafft er es nur selten auf einen Fluss. Sondern er nutzt, ganz im Sinne der TPG, auch da einen smarten Helfer: einen Ruder-Ergometer.