Wird Prostatakrebs festgestellt, muss das Organ häufig entfernt werden. Eine Analyse verschiedener wissenschaftlicher Studien wies nun nach, dass unangenehme Folgen der Operation durch eine Barriere aus Bauchfellgewebe verringert werden können.

Nach der operativen Entfernung der Prostata kann sich Lymphflüssigkeit in Hohlräumen abkapseln und zu Beschwerden führen. © Peakstock / Adobe Stock
Prostatakrebs ist mit rund 60.000 Neuerkrankungen pro Jahr die häufigste Krebserkrankung bei Männern – die Behandlung besteht häufig darin, das Organ operativ zu entfernen. In der Regel geschieht dies minimal-invasiv und mit Unterstützung durch einen OP-Roboter. Häufig werden dabei auch die umgebenden Lymphknoten im Beckenbereich entfernt, um zu überprüfen, ob der Krebs sich über die Lymphbahnen ausgebreitet hat. Doch bei dieser Lymphknotenentfernung werden meist auch Lymphgefäße verletzt, aus denen weiter Lymphflüssigkeit austritt. Diese kann sich im Becken ansammeln und abkapseln – eine sogenannte Lymphozele entsteht. Oft sind diese mit Lymphflüssigkeit gefüllten Hohlräume unproblematisch. Sie können sich aber auch entzünden oder Blutgefäße verengen, was das Risiko für Thrombosen erhöht.
Der Trick mit dem Bauchfell
Ein Forschungsteam unter Leitung von Professor Dr. Karl-Friedrich Kowalewski und Dr. Caelán Max Haney-Aubert von der Urologischen Klinik der Universitätsmedizin Mannheim und dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) hat nun untersucht, ob sich das Risiko für Lymphozelen durch eine Veränderung des Standardeingriffs verringern lässt. „Wird nach der Entfernung der Lymphknoten im Becken des Patienten Bauchfellgewebe am Operationsgebiet im kleinen Becken fixiert, führt dies dazu, dass sich die Lymphflüssigkeit nicht abkapseln kann. Sie wird dann auf natürlichem Wege über das Bauchfell resorbiert. Dadurch sinkt die Häufigkeit von Lymphozelen und von durch diese verursachte Folgeeingriffe“, erklärt Kowalewski.
Mit Förderung durch das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) haben die Forschenden sechs hochwertige, internationale Studien zum Thema analysiert (sogenannte „Systematische Reviews“) und die Daten von rund 3.000 eingeschlossenen Patienten untersucht. Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei Patienten mit Gewebebarriere – in der Fachsprache „Peritonealflap“ genannt und vom lateinischen Begriff Peritoneum für Bauchfell abgeleitet – entstanden deutlich weniger behandlungsbedürftige Lymphozelen. „Mit Peritonealflaps reduziert sich Wahrscheinlichkeit, dass es nach der OP zu Lymphozelen kommt, um etwa die Hälfte“, fasst Dr. Caelán Haney-Aubert zusammen. Die Operationszeit verlängerte sich durch die zusätzlichen Schnitte kaum. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse sind so klar, dass diese Technik aus unserer Sicht neuer Standard sein sollte“, so Haney-Aubert.
Das Forschungsprojekt „Peritonealflaps bei der minimal-invasiven radikalen Prostatektomie mit pelviner Lymphadenektomie“ wurde im Rahmen der Fördermaßnahme „Klinische Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert.
Früh auftretende Lymphozelen weisen auf mögliche Komplikationen hin
Darüber hinaus identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Rahmen der Studie eine bislang wenig beachtete Vorhersagemöglichkeit für das Auftreten therapiebedürftiger Lymphozelen. Wenn bereits bei Entlassung aus dem Krankenhaus eine, wenn auch beschwerdefreie, Lymphozele erkennbar ist, steigt das Risiko für Komplikationen deutlich. „Für die Patienten bedeutet das: Wenn bei der Entlassung aus dem Krankenhaus im Ultraschall eine derartige Flüssigkeitsansammlung im Ultraschall zu sehen ist, kann eine engmaschige Überwachung sinnvoll sein. Patienten sollten für Warnzeichen wie beispielsweise Schmerzen im Unterbauch sensibilisiert werden“, empfiehlt Kowalewski.
Zusätzlich zu den üblichen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften hat das Forschungsteam ein leicht verständliches Video erstellt, das die Technik erklärt, häufig gestellte Fragen beantwortet und Tipps zur Pflege nach der Operation gibt. Das Video ist in mehreren Sprachen verfügbar und wird über soziale Medien, medizinische Webseiten und Selbsthilfegruppen verbreitet. Ziel ist es, die Patientenaufklärung zu verbessern und die Akzeptanz neuer Verfahren zu erhöhen.