08.06.2026

| Aktuelle Meldung

„Die Petrischale spricht in der Regel nicht mit einem“

Der „MTZ Award for Systems Medicine“ verleiht jungen Forschenden mehr Sichtbarkeit. Einer der beiden diesjährigen Preisträger, Dr. Dirk Hoffmann, berichtet im Interview über seine Forschung am Hirntumor Glioblastom und die Bedeutung von Interdisziplinarität.

Preisträger Dr. Dirk Hoffmann bei seinem Festvortrag anlässlich der Preisverleihung bei der internationalen Konferenz SBMC im Barockschloss Mannheim.

Preisträger Dr. Dirk Hoffmann bei seinem Festvortrag anlässlich der Preisverleihung bei der internationalen Konferenz SBMC im Barockschloss Mannheim.

Susan Eckerle/ Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS) gGmbH

Herr Dr. Hoffmann, worum geht es in Ihrer Doktorarbeit?

Das Thema meiner Doktorarbeit ist der aggressivste Hirntumor im Erwachsenenalter – das Glioblastom. Die therapeutischen Möglichkeiten sind bislang sehr begrenzt. In meiner Forschung geht es vor allem darum, das Glioblastom als komplexes, vernetztes System zu untersuchen und nicht als eine Ansammlung isolierter Zellen. Die starke Vernetzung spielt eine zentrale Rolle für das Wachstum und auch für die häufige Therapieresistenz dieses Tumors. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen konnte ich einen Biomarker identifizieren, der eine Prognose hinsichtlich der Überlebenserwartung für die Patientinnen und Patienten ermöglicht. Wir konnten außerdem die Gene identifizieren, die die Vernetzung der Tumorzellen vorantreiben und damit die Gefährlichkeit des Tumors erhöhen. Eine Störung des Tumornetzwerks etwa durch Medikamente eröffnet perspektivisch neue therapeutische Ansätze, die dringend gesucht werden.

Welche Rolle spielt Interdisziplinarität in Ihrer Forschung?
Interdisziplinarität ist in unserer Forschung absolut zentral, und die meisten meiner Forschungsprojekte sind hoch kollaborativ. Ich bin vom Hintergrund Biochemiker und daher vorrangig für den Part im Labor zuständig. Ich arbeite aber ganz eng mit Ärztinnen und Ärzten verschiedener neurologischer Fachrichtungen sowie Kolleginnen und Kollegen aus der Bioinformatik und Statistik zusammen. Gerade wenn es um klinische und translationale Studien, Patientendaten oder klinische Proben geht, ist diese Verzahnung enorm wichtig und sogar notwendig. Nur so können wir eine effektive Translation in die Klinik tatsächlich bewerkstelligen und erreichen, dass unsere Forschungsergebnisse letztendlich auch bei den Patientinnen und Patienten ankommen.

Was bedeutet der MTZ-Award für Sie?

Zunächst einmal hat mich das natürlich sehr gefreut. Es handelt sich um eine sehr prestigeträchtige Auszeichnung. Gleichzeitig zeigt sie mir, dass meine Arbeit auch von anderen als relevant und sinnvoll wahrgenommen wird – ein Preis ist letztlich auch eine Art Qualitätsnachweis. Insgesamt erhöht dieser Preis sicherlich auch meine Sichtbarkeit. Ich bin noch ein relativ junger Wissenschaftler und gerade erst dabei, mich im Wissenschaftsfeld zu etablieren. Sichtbarkeit ist deshalb sehr wichtig – sowohl, um sich zu vernetzen, als auch, um Fördermittel einwerben zu können. Nur so kann ich meine Forschung erfolgreich weitertreiben.

Nach Ihrer Masterarbeit haben Sie einen Freiwilligendienst im Krankenhaus in Mittelamerika geleistet. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Meine Intention war, mein Wissen auch dort in die Krankenhausdiagnostik einzubringen. Lehre macht mir generell viel Freude – aktuell unterrichte ich Medizinstudierende. Da mir zudem das Wohl von Menschen am Herzen liegt, die in einem Umfeld mit eingeschränkterem medizinischem Wissen und Forschungsmöglichkeiten aufwachsen, wollte ich mein Wissen gezielt dort im Krankenhauslabor einbringen. Neben der Wissensvermittlung wollte ich aber auch ein Verständnis dafür entwickeln, wie in anderen Disziplinen und Ländern gearbeitet wird und wie sich Auffassungen und Ziele unterscheiden. Das fand ich sehr spannend. Gleichzeitig war es eine wertvolle Ergänzung zu meiner Laborarbeit hier. Man arbeitet direkt mit Patientinnen und Patienten sowie mit dem Klinikpersonal – und nicht nur mit der Petrischale, die in der Regel nicht mit einem spricht. Der direkte Kontakt zu Betroffenen ist unglaublich wertvoll und motivierend. Im Labor ist man oft sehr weit entfernt von dem, was Patientinnen und Patienten tatsächlich erleben.

Wie sehen Ihre Pläne für die Zukunft aus?

Ich finde die Konzepte, die ich in meiner Doktorarbeit untersucht habe, weiterhin sehr spannend und vielversprechend. Gleichzeitig gibt es noch so viele offene Fragen, die mich interessieren. Zum Beispiel: Wie interagieren die Tumorzellen mit gesunden Zellen des Gehirns? Wie können wir die Therapien noch wirksamer gestalten, dabei unerwünschte Nebenwirkungen vermeiden und die Therapie möglichst personalisiert und zielgerichtet gestalten? Was passiert dann mit dem Tumor unter dem Einfluss der Therapie? Ich habe mindestens noch zwanzig spannende Ideen und Projekte im Kopf, die ich gerne weiterverfolgen würde. Perspektivisch kann ich mir vorstellen, einige dieser Ideen gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen gezielt zu skalieren – etwa in einer Spin-off-Firma – oder in Kooperation mit der Pharmaindustrie.

Vielen Dank für das Gespräch.

MTZ®-Award for Systems Medicine 2026

Der Nachwuchs-Förderpreis wird unter der Schirmherrschaft der Bundesforschungsministerin Dorothee Bär für herausragende Dissertationen im Bereich der systemmedizinischen Gesundheitsforschung vergeben. Seit 20 Jahren engagiert sich die MTZ®stiftung nachhaltig für eine bessere Zukunft, in der Menschen bei bestmöglicher Gesundheit leben und würdig altern können. Der Förderpreis verleiht jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die von unermüdlicher Neugier geprägt sind, öffentliche Sichtbarkeit in einem interdisziplinären Umfeld. Im Jahr 2026 wurde der Preis an Dr. Dirk Hoffmann und Dr. Sophia Müller-Dott für ihre Arbeiten im Bereich der Systemmedizin verliehen. Das BMFTR fördert die Systemmedizin unter anderem im Rahmen des Forschungs- und Förderkonzepts „e:Med – Maßnahmen zur Etablierung der Systemmedizin“ und im Systemmedizinischen Forschungsnetz zur Früherkennung und Prävention von Leberkrebs (LiSyM-Krebs).