App erkennt kognitive Veränderung schneller als Standardtest

Eine Studie des DZNE zeigt, dass Gedächtnistests per Handy kognitive Veränderungen schneller erkennen als Standardverfahren. Das Potenzial dieser digitalen Erfassung bietet mögliche Anwendungen in der Therapieforschung und im klinischen Alltag.

Eine ältere Dame hält ein Smartphone in der Hand.

Eine Studie des DZNE hat ergeben, dass Smartphone- oder Tablet-basierte Gedächtnistests einen subtilen Rückgang der geistigen Leistungsfähigkeit schneller erfassen können als herkömmliche Untersuchungen.

Trushchenko_O | Adobe Stock

Menschen mit einer „leichten kognitiven Beeinträchtigung“ – auch „Mild Cognitive Impairment“ (MCI) genannt – haben ein erhöhtes Demenzrisiko. Für gewöhnlich kommen sie im Alltag noch gut zurecht. Ihre geistige Leistungsfähigkeit ist jedoch beeinträchtigt und nimmt bei vielen von ihnen allmählich ab. Diesen Rückgang können Smartphone- oder Tablet-basierte Tests innerhalb weniger Monate und damit schneller erfassen als herkömmliche Verfahren. Das zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Kooperation mit Universitätskliniken in Deutschland, dem Magdeburger Start-up neotiv und Forschenden in den USA. „Der von uns erprobte appbasierte Ansatz könnte künftig sowohl bei der Entwicklung neuer Therapien als auch in der klinischen Praxis zum Einsatz kommen. In beiden Situationen ist es wichtig, Veränderungen der kognitiven Leistung über die Zeit zu erfassen“, sagt Dr. David Berron, Forschungsgruppenleiter am DZNE. Aus medizinischer Sicht sei nicht nur relevant, ob MCI vorliege, sondern ebenso, ob die Symptome stabil blieben oder sich verschlimmerten.

Testung zu Hause

Herkömmliche Verfahren zur Bewertung der geistigen Fitness beruhen auf standardisierten Aufgaben, die mündlich oder schriftlich zu lösen sind – und insbesondere unter Aufsicht in einer Klinik oder ärztlichen Praxis. Im Unterschied dazu verwendete die aktuelle Studie eine spezielle App mit Gedächtnistests. Die Aufgabe lautete, sich Bilder von Gegenständen und Räumen einzuprägen oder Unterschiede zwischen Abbildungen zu erkennen. „Diese Tests kann man bequem zu Hause machen – eigenständig, das ist ein entscheidender Vorteil. Benötigt werden lediglich ein Smartphone oder Tablet. Ein Klinikbesuch und eine Terminvereinbarung entfallen. So lässt sich die Testung ohne großen Aufwand in kurzen Abständen wiederholen“, sagt DZNE-Wissenschaftlerin Dr. Sarah Polk.

Engmaschige Erfassung

Infolgedessen können Veränderungen in der geistigen Leistungsfähigkeit engmaschiger verfolgt werden als mit klassischen Verfahren. „Mit der herkömmlichen Methode ist aufgrund des Aufwands eine Testung nur ein- bis zweimal im Jahr realistisch“, erläutert Polk. „Unsere Probandinnen und Probanden hingegen haben die App rund sieben bis zwölf Monate lang genutzt und sich etwa alle zwei Wochen damit getestet. In diesem Zeitraum konnten wir bei Personen mit MCI​ bereits eine Veränderung der kognitiven Leistung feststellen.“

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die hier genutzte Mobilanwendung MCI CIerkennen kann. Die aktuelle Untersuchung belegt, dass die eigenständige Testung auch empfindlich genug ist, um Veränderungen der kognitiven Leistungsfähigkeit über die Zeit zu erfassen. Die App – entwickelt vom Unternehmen neotiv auf Grundlage von Forschung des DZNE – ersetzt jedoch keine ärztliche Diagnose und ist nicht frei verfügbar. Sie dient als technisches Hilfsmittel. Die Auswertung der erhobenen Daten erfolgt ausschließlich durch medizinisches Fachpersonal.

Einklang mit herkömmlicher Methodik

In der aktuellen Studie lagen für alle Teilnehmenden klinische Befunde vor, die über durchschnittlich acht Jahre mit etablierten Verfahren erhoben wurden. Der langfristige Trend dieser Daten deckte sich mit den App-Ergebnissen aus wenigen Monaten – ein Beleg dafür, dass die digitale Messung aussagekräftig ist. „Für mich war besonders beeindruckend, dass wir mit wenigen Monaten App-Nutzung ein Signal erfassen konnten, das mit jahrelangen klinischen Beobachtungen übereinstimmt. Das gibt uns Vertrauen, dass diese Methode misst, was sie messen soll“, sagt Polk.

Einsatzmöglichkeiten

„Auch wenn wir eine spezielle App genutzt haben, sollte man diese Ergebnisse aus meiner Sicht im größeren Kontext sehen: Sie belegen erstmals, dass sich der Verlauf des kognitiven Abbaus bereits über einen relativ kurzen Zeitraum digital erfassen lässt. Dies unterstreicht das Potenzial digitaler Verfahren“, meint Berron.

„Ein naheliegendes Anwendungsfeld ist die Entwicklung neuer Therapien, insbesondere die Erprobung von Medikamenten gegen Demenz“, sagt er. Hier gehe es darum, festzustellen, ob und wie gut ein experimenteller Wirkstoff den geistigen Abbau verlangsame. Idealerweise würde dies schon im MCI-Stadium geschehen, das als mögliche Vorstufe einer Demenz gilt. „Mit einem digitalen Ansatz könnte man solche Therapiestudien vermutlich beschleunigen, weil sich wahrscheinlich schneller als auf herkömmliche Weise feststellen ließe, ob das getestete Medikament die gewünschte Wirkung hat.“

Perspektivisch, sobald noch mehr Daten vorliegen, könnte das Verfahren auch im klinischen Alltag zum Einsatz kommen, schätzt der DZNE-Forscher. „Einerseits, um zu ermitteln, ob sich die geistige Leistungsfähigkeit altersgemäß entwickelt. Zum anderen ließe sich bei einer laufenden Behandlung überprüfen, ob sie wirkt und wie gut. Kurz gesagt: Es geht um individuelles Patientenmonitoring.“

Transparenzhinweis

Dr. David Berron ist Wissenschaftler des DZNE und Chief Science Officer der neotiv GmbH, deren App in der aktuellen Studie verwendet wurde. Die zugehörige Veröffentlichung im Forschungsjournal „npj digital medicine“ wurde im Rahmen eines etablierten Peer-Review-Verfahrens von unabhängigen Fachleuten begutachtet.

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erforscht, wie sich die Gesundheit des Gehirns fördern und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson und Amyotrophe Lateralsklerose frühzeitig erkennen und effektiver behandeln lassen. Das DZNE trägt maßgeblich zur Entwicklung neuer Strategien der Prävention, Diagnose, Versorgung, Behandlung und Pflege bei – und zu deren Überführung in die Praxis. Es hat bundesweit zehn Standorte und kooperiert mit Universitäten, Universitätskliniken und anderen Institutionen im In- und Ausland. Das DZNE ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft und gehört zu den Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung (DZG). Es wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) und den Bundesländern gefördert, in denen die Standorte des DZNE angesiedelt sind.

Weitere Informationen unter www.dzne.de, auf Facebook (www.dzne.de/facebook) sowie Instagram (www.instagram.com/dzne_de).

Originalveröffentlichung

Sarah Polk et al. Smartphone-based detection of subtle memory decline in prodromal Alzheimer’s disease. npj Digit. Med. 9, 402 (2026). doi: s41746-026-02731-1

Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr. David Berron
DZNE, Standort Magdeburg
david.berron@dzne.de

Pressekontakt:
Dr. Marcus Neitzert
DZNE, Stabsstelle Kommunikation
marcus.neitzert@dzne.de